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Keine bis Kleine Gefahr : Sherlock Holmes bleibt auf freiem Fuß

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein 78-jähriger begeht nahezu täglich neue kleine Straftaten, doch für die Zwangseinweisung in die Psychiatrie fehlt die rechtliche Grundlage. Der Umgang mit dem Mann, der sich meist als Double des Meisterdetektivs ausgibt, ist schwierig.

shz.de von
erstellt am 12.Jul.2017 | 18:12 Uhr

Passanten in den Einkaufsstraßen von Kiel, Neumünster und anderen Städten in der Region kennen ihn: den mittlerweile 78-jährigen Mann, der in der Verkleidung des britischen Meisterdetektivs Sherlock Holmes Aufmerksamkeit erregt. Allerdings nicht allein wegen seines markanten Aussehens mit Schirmmütze, Lupe, Pfeife und englischer Kleidung, sondern auch wegen seines Verhaltens, das kaum zu einem echten Gentleman passt. Mehrfach stand der psychisch stark angeschlagene Mann vor Gericht. Zuletzt im Herbst 2016, als ihn das Kieler Landgericht in einem Berufungsverfahren für Dutzende kleiner Straftaten zu 20 Monaten Haft verurteilte – ohne Bewährung. „Sherlock Holmes muss in den Knast“ hatte unsere Zeitung damals getitelt. Doch so, wie es aussieht, wird sich hinter dem Detektiv-Doppelgänger nie eine Gefängniszelle schließen. Sein Einspruch vor dem Oberlandesgericht (OLG) in Schleswig hatte Erfolg.

Wie Axel Bieler als Sprecher der Kieler Staatsanwaltschaft mitteilte, stoppte das OLG die Umsetzung des Urteils. Es vermisste die Einschaltung eines Gutachters, der die Frage der Verhandlungsfähigkeit des 78-Jährigen hätte klären können. Das Amtsgericht aber hatte nach gerade einmal drei Stunden Prozessdauer das Urteil der Vorinstanz – des Amtsgerichtes in Neumünster – bestätigt. Sherlock Holmes war nach einer Sitzungsunterbrechung nicht mehr im Verhandlungssaal erschienen. Vorher war er sowohl über das Gericht („Wir sind hier nicht bei Erdogan“) als auch über seinen Pflichtverteidiger Achterberg hergezogen, den er nur als „Neunterberg“ bezeichnete.

Im Kern geht es laut Bieler um die Frage, wie die Justiz mit psychisch kranken Menschen umgeht. Klar ist: „Nicht jeder, der Auffälligkeiten zeigt, darf weggesperrt werden.“ Grundlage für eine zwangsweise Einweisung liefert das Gesetz zur Hilfe und Unterbringung psychisch kranker Menschen, kurz Psychisch-Kranken-Gesetz genannt. Die Einweisung einer Person ist demnach nur dann statthaft, „wenn sie infolge ihrer Krankheit ihr Leben, ihre Gesundheit oder Rechtsgüter andere erheblich gefährden und die Gefahr nicht anders abgewendet werden kann“.

Die Betonung liegt auf „erheblich“ – und diese Kategorie gilt für Sherlock Holmes im Allgemeinen nicht. Er hatte einem Zahnarzt die Praxistür mit roter Farbe besprüht, die Besitzerin eines Hunde-Salons „blöde Schlampe“ genannt, Post-Mitarbeitern rohe Eier vor die Füße geworfen, mit seiner Trillerpfeife aber auch schon Verkäuferinnen im Drogeriemarkt in die Ohren getrötet, was ihm den Vorwurf der Körperverletzung einbrachte. Sein Sohn in Wankendorf und auch der dortige Pastor waren immer wieder Stalking-Ziele, wenn er ihnen etwa das Schloss an der Haustür verklebte. „Das alles ist für die Geschädigten oft schwer zu ertragen“, gesteht Bieler ein. „Wir alle zahlen den Preis der Freiheit.“ Zumal sich Sherlock Holmes zumeist an Orten aufhalte, wo Menschen präsent sind. „Er braucht das Publikum“, so Bieler.

Auf dem Tisch der Staatsanwaltschaft häufen sich die Beschwerden über die Untaten des 78-Jährigen, die auch nach den Urteilen in Kiel und Neumünster nicht nachgelassen haben. So hat er sein eigenes Pamphlet mit roter Farbe an die Anschar-Kirche in Neumünster geklebt und einem zufälligen Opfer ein Schreiben aus dem Briefkasten gestohlen, es geöffnet und mit dem Zusatz „Der Lacher des Jahres“ wieder zurückgelegt. Im Drogeriemarkt läuft er mit seinen ausgedruckten Bildern in der Hand an der Kasse vorbei. Und an den Bahnhöfen der Region kleistert Sherlock Holmes regelmäßig seine „SH-Nachrichten“ an Türen und Fenster. Als „Aufräumer“ bezeichnet er sich, als „Sumpfaustrockner“ und überhaupt als Geheimwaffe gegen alles Böse, denn: „Die Welt ist voller Bananenschalen.“  
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