Tödliches Drama im Mittelmeer : Sechsjährige Tochter ertrank: Mutter belastet Schleuser

Das Landgericht in Kiel. /Archiv
Das Landgericht in Kiel. /Archiv

Der mutmaßliche 28-jährige Schleuser muss sich in Kiel vor dem Landgericht verantworten.

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14. September 2018, 22:00 Uhr

Kiel | Sie umklammerte ihre sechs Jahre alte Tochter und eine Holzplanke. Dann entglitt die kleine Alia ihren Händen ...

Im Prozess gegen den mutmaßlichen irakischen Schleuser Majid A. (28) vor dem Kieler Landgericht haben am Freitag die Eltern eines im Mittelmeer ertrunkenen Kindes ausgesagt. Sie sind Nebenkläger.

Mutter Karam O. (38) identifizierte den Angeklagten eindeutig als ein Mitglied der Schleuser-Bande, sagte über die Flucht: „Bei einer Polizeikontrolle wurden uns die Schwimmwesten weggenommen. Am Strand, wo viele Menschen waren, fragten wir nach neuen. Uns wurde gesagt, wir bräuchten keine, die Überfahrt sei kurz und das Boot sicher. Doch es war aus Holz und brüchig.“

Die Familie habe nicht an Bord gewollt, aber die bewaffneten Schleuser hätten sie angeschrien, später sei sogar geschossen worden. Auf dem Meer seien die Wellen immer höher geworden, so die Mutter. Offenbar durch die Last der Menschen barsten dann die Träger des Oberdecks, das Schiff kenterte, Panik brach aus. Karam O.: „Ich klammerte mich an eine Planke, hielt Alia fest. Nach einer Stunde kam ein Schiff der griechischen Küstenwache. Es machte eine so große Bugwelle, dass ich unter Wasser gedrückt wurde. Alia entglitt mir. Wieder an der Oberfläche hörte ich ihre Schreie.“ Das Mädchen, dass noch versucht hatte, sich an den Haaren der Mutter festzuhalten, wurde am nächsten Tag tot aufgefunden.

Die fünfköpfige Jesiden-Familie aus dem Irak hatte ihr Haus, Hab und Gut verkauft und pro Person 2750 Euro für die Überfahrt von der Türkei zur griechischen Insel Lesbos gezahlt, die am 28. Oktober 2015 so tragisch endete. Von den 328 Flüchtlingen auf dem maroden Holzboot ertranken 54. Vier der Toten, drei davon Kinder, sollen auf das Konto des Angeklagten gehen. Er und seine Komplizen hatten 26 Menschen eine sichere Überfahrt auf einer komfortablen Yacht versprochen. Vater Wisam J. (43): „Der Angeklagte hat uns das Unglücksboot vermittelt, er ist für den Tod von Alia verantwortlich.“ Die beiden jüngeren Töchter, damals 5 und 3 Jahre alt, habe er festgehalten. Sie seien von einem Spanier mit einem Jetski gerettet worden, er selbst von einem Fischer. „Auf Lesbos musste ich dann Alia in der Rechtsmedizin identifizieren.“

Der Angeklagte, der die Eltern mit finsteren Blicken bedachte, hatte sich nach dem Unglück mit seiner Familie nach Deutschland durchgeschlagen. Er lebte in Strande (Kreis Rendsburg-Eckernförde), bis die Eltern von Alia ihn bei Facebook entdeckten. Er bestreitet, an der Schleusung beteiligt gewesen zu sein.

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