Kiel-Mettenhof : Sechseinhalb Jahre Haft: 18-Jähriger ersticht Freund der Mutter

Polizeieinsatz in einem Kieler Hochhaus.
Ein Polizeiwagen steht am Tattag vor einem Hochhaus in Mettenhof, vor dem sich die Tat ereignet hatte.

Obwohl der 18-Jährige psychisch krank ist, sah die Kammer keine verminderte Schuldfähigkeit.

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07. September 2018, 13:21 Uhr

Kiel | Tiefe Verzweiflung und religiöse Motive brachten einen 18-Jährigen offenbar dazu, den Freund seiner Mutter zu töten. Das Kieler Landgericht verurteilte den jungen Mann am Freitag wegen einer tödlichen Messerattacke zu sechseinhalb Jahren Haft. Die Kammer sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte Mitte Januar in Kiel-Mettenhof mindestens 16 mal vorsätzlich auf sein Opfer einstach.

Der 41-Jährige starb wenig später trotz Notoperationen an einem Verblutungsschock. Er hinterlässt seine Ehefrau und drei Kinder sowie einen Bruder. Sie alle sind Nebenkläger in dem Verfahren.

Dass der Angeklagte die Tat vorsätzlich begangen hat, stehe nach dessen mehrstündiger, detaillierter Aussage außer Zweifel, sagte der Vorsitzende Richter Stefan Becker: „Er hat gestanden, dass er töten wollte und getötet hat“, sagte er.

Dem Urteil zufolge kam der Angeklagte 2014 als damals 14-Jähriger zusammen mit dem späteren Opfer und dessen Bruder aus Syrien nach Deutschland. Doch weil der der 41-Jährige eine enge Beziehung mit der nach Deutschland nachgereisten Mutter des Angeklagten einging, habe sich dieser zunehmend isoliert gefühlt.

Täter glaubt richtig gehandelt zu haben

Er suchte auch Zuflucht in Drogen und der Religion und fasste den Tatentschluss, sagte der Vorsitzende. „In seiner Wahrnehmung hatte das Opfer sein Leben zerstört“. Der Heranwachsende habe den 41-Jährigen dabei als Ungläubigen angesehen, der gegen den Koran verstoße. Auch heute noch meine der junge Mann, richtig gehandelt zu haben. Vor ihm stehe „ein langer Weg“ um Toleranz und Empathie zu lernen, sagte Becker. Derzeit sehe der 18-Jährige nur sich und habe noch keine Einsicht in das Leid anderer Menschen.

Nach der Tat war der Angeklagte geflüchtet. Einen Tag später wurde er in der Wohnung seiner Mutter festgenommen und kam zunächst in ein psychiatrisches Fachkrankenhaus. Doch auch wenn der 18-Jährige psychisch krank und stark verzweifelt gewesen sei, sah die Kammer keine verminderte Schuld.

Zum Tatzeitpunkt habe es keinen akuten Schub und keine Wahnvorstellungen gegeben, sagte Becker. Der Angeklagte habe sich nicht in einer psychischen Ausnahmesituation befunden. Die Tat habe er geplant und gewusst, dass er gegen die Rechtsordnung verstoße und verurteilt werden würde. Eine weitere Unterbringung in der Psychiatrie kommt laut Urteil nicht in Betracht.

Anpassungsstörung und psychische Krankheit

Noch im Gerichtssaal verkündete der Vorsitzende deshalb einen Haftbefehl, gestützt auf Fluchtgefahr, weil der junge Mann wieder nach Syrien zurückwolle.  Das Strafmaß von sechseinhalb Jahren begründete Becker auch damit, dass der 18-Jährige zur Tatzeit einem Jugendlichen in allen Belangen gleichkam. Er sei in äußerst schwierigen Verhältnissen aufgewachsen.

Durch Anpassungsstörungen und seine Krankheit habe er weniger Möglichkeiten als andere. Es bestehe hoher Erziehungsbedarf. Der schmächtig wirkende 18-Jährige, der im Gerichtssaal von zwei Betreuern aus dem Krankenhaus begleitet wurde, schloss bei der Urteilsverkündung immer wieder die Augen, während der Dolmetscher simultan übersetzte.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft hatte wegen Totschlags sieben Jahre und neun Monate gefordert, die Verteidigung maximal fünf Jahre. Das Verfahren war zum Schutz der Persönlichkeitsrechte bis auf Anklageverlesung und Urteil nicht öffentlich.

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