Millionen für die Altstadt : Schlossquartier mit eigenem Kanal

In synchroner Haltung verfolgen Kämmerer Wolfgang Röttgers (links) Bau-Dezernent Peter Todeskino die Debatte.
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In synchroner Haltung verfolgen Kämmerer Wolfgang Röttgers (links) Bau-Dezernent Peter Todeskino die Debatte.

Die Ratsversammlung schob mit ihrem Ja zwei millionenschwere Projekt in der Innenstadt an. So soll das Quartier am Schloss ein völlig neues Gesicht erhalten, der Investor plant auch den Bau von über 200 Wohnungen. Und der „Kiel-Kanal“ soll die Attraktivität der einstigen Altstadt-Insel steigern, die historische Lage wieder erlebbar machen.

shz.de von
17. Juli 2015, 11:20 Uhr

Fast fühlte man sich zurückversetzt ins Mittelalter, wo der Burgherr mit seiner Tafelrunde die Rund-um-Erneuerung des Schlosses besprach und auch gleich die Anlage eines Schlossgrabens in Auftrag gab. Nun: Am Abend des 16. Juli im Jahre 2015 verbergen sich hinter ähnlichen Worten ganz andere Absichten. Mit der Aufwertung des Schlossquartiers verbunden ist der Bau von gut 200 Wohnungen in der Altstadt, und der sogenannte „Kiel-Kanal“ soll die Aufenthaltsqualität auch der Tagesgäste in der Kieler Innenstadt stärken.

Mit geschwollener Brust und wuchtiger Stimme erklärte Bau-Dezernent Peter Todeskino (Grüne) der Ratsversammlung die Bedeutung dieses Großprojektes. Von einer „epochalen Entwicklung sprach er“, von der „Vision einer modernen Rückbesinnung“, von einer „kompakten urbanen Wohnkonzeption“. Für das Schlossquartier hat die Stadt einen Vertrag mit einem Investor – der eigens gegründeten NGEG Schlossquartier GmbH & Co KG – abgeschlossen, der nicht weniger als 70 Millionen Euro in dieses historische Areal stecken will.

Im Erdgeschoss entstehen neue Geschäfte und in den oberen Etagen 213 Privatwohnungen. Die Altstadt, über Jahrzehnte geprägt von Park- und Autohäusern und abends meist ausgestorben, „wird gottseidank nicht wiederzuerkennen sein“, sagte Todeskino: „Das treibt uns Freudentränen in die Augen.“ Er weiß nicht nur die Kaufleute im Zentrum hinter sich, er registriert auch ungewohnte Anerkennung für die Arbeit im Rathaus. „Die Unkenrufe von der IHK sind verstummt. Ich höre nur noch Lob, wie gut die Verwaltung arbeitet“, stellte Todeskino ganz unbescheiden fest. Die Schlossquartier-Pläne fanden mit Ausnahme der Linken bei allen Fraktionen Zustimmung. André Wilkens (SPD) sprach von einer „Jahrhundertchance“, und für die Opposition zeigte sich Christina Musculus-Stahnke (FDP) „heilfroh, dass es endlich losgeht.“

Beim „Kiel-Kanal“ aber, dem künftigen Wasserbecken auf der Holstenbrücke (wir berichteten), fehlte diese politische Einmütigkeit. Wolfgang Homeyer (CDU) klagte über diesen „Beton-Langweiler“, der mit seinen 12,5 Millionen Euro an Baukosten die Stadt weiter in die Verschuldung treiben werde. Überhaupt hielt er das Zahlenwerk inclusive 40  000 Euro an jährlichen Unterhaltungskosten für wenig glaubwürdig. Das Bündnis aus SPD, SSW und Grünen jedoch prognostiziert dem „Kiel-Kanal“ eine ähnliche Erfolgsgeschichte, wie sie gegenwärtig der Bootshafen erlebe. Mit steigender Attraktivität, höherem Umsatz und wachsendem Steueraufkommen sei das Projekt in wenigen Jahren refinanziert. Genüsslich etwa rieb Marcel Schmidt (SSW) der Union unter die Nase, dass die Kaufleute das Projekt einhellig befürworten: „Und sie waren doch mal das Klientel der CDU.“

Union, FDP und Linke konnten sich gegen die Rathaus-Mehrheit nicht durchsetzen: Der „Kiel-Kanal“ wird gebaut. FDP-Mann Hubertus Hencke immerhin wünschte dem Projekt viel Erfolg. Mit ätzender Kritik wolle man sich in der nächsten Zeit zurückhalten. „Wir warten bis 2019 (geplante Fertigstellung; Anm. d. Red.). Und zwei weitere Jahre. Dann können wir beurteilen, ob’s gut wird.“  

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