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Urteil in Kiel : Rentner totgeprügelt - neuneinhalb Jahre Haft

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Weil er einen 72-jährigen Rentner zu Tode geprügelt hat, muss ein 30 Jahre alter Angeklagter aus Kiel für neun Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Die Schwurgerichtskammer sprach den Mann wegen Körperverletzung mit Todesfolge schuldig.

Kiel | Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der Angeklagte sein Opfer am 17. Mai erst mit der Faust attackierte und dann dem noch am Boden knienden Mann einen wuchtigen Fußtritt unter das Kinn versetzte. Der 72-Jährige fiel ins Koma und starb sechs Tage später im Krankenhaus. Er war seiner Tochter zur Hilfe geeilt. Der Angreifer hatte sie zuvor mit Faustschlägen traktiert, weil er glaubte, sie hätte beim Zurücksetzen ihres Fahrzeugs in einer Baustelle seinen Hund überfahren. Anschließend eskalierte der Streit.

Das Gericht sah - anders als der Staatsanwalt - keinen Tötungsvorsatz und damit keinen Totschlag. Der Angeklagte habe den Tod weder für möglich gehalten noch billigend in Kauf genommen, sagte der Vorsitzende Richter Jörg Brommann. „Das Erkennen der Möglichkeit des Todes allein reicht nicht aus“, meinte Brommann. Er betonte, dass es dem unterdurchschnittlich intelligenten Angeklagten laut Gutachter schwerfalle, die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung zu erkennen. Der vielfach einschlägig vorbestrafte Mann begreife nicht, was passiere. Er sehe sich als Opfer und habe - womöglich auch aufgrund einer frühen leichten Hirnschädigung - keinen Zugang zu den Folgen seiner Gewaltdelikte.

Bei der Tat am 17. Mai habe es sich um eine unüberlegte, spontane Gewaltentladung gehandelt - „gleichsam aus dem Nichts heraus aufgrund einer banalen Ursache“. Sie sei aber nicht mit den sogenannten U-Bahn-Gewalttaten zu vergleichen, sagte Brommann. Dort werde auf einen am Boden Liegenden eingetreten. Hier habe sich das Opfer bereits wieder aufgerafft, als ihn der Fuß unterhalb des Kinns mit voller Wucht traf. „Nicht etwa der Fußtritt als solcher führte zum Tod, sondern dass das Opfer mit dem Hinterkopf aufs Straßenpflaster schlug“, sagte der Richter. Das Opfer erlitt eine acht Zentimeter lange Schädelfraktur und starb sechs Tage später an Hirnblutungen.

Vor Gericht räumte der Angeklagte den Angriff auf den Rentner ein, bestritt aber jede Tötungsabsicht. Er habe ungezielt zugeschlagen und wolle nicht bemerkt haben, dass er es mit einem alten Mann zu tun hatte. Er habe auch keinen Anlauf genommen, um gegen den Kopf des Mannes zu treten, sagte er. „Das hätte ich niemals gemacht.“ 

Das Urteil löste intensive Diskussionen aus. Angehörige des Toten werteten den Richterspruch als zu milde. Staatsanwalt und Verteidiger wollen Revision prüfen. Der Staatsanwalt hatte zwölf Jahre Haft wegen vorsätzlichem Totschlag gefordert, der Verteidiger fünf Jahre wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Ehefrau, Tochter und Sohn des Opfers waren Nebenkläger. Sie hatten über ihren Anwalt 15 Jahre Haft verlangt und sich für eine Sicherungsverwahrung ausgesprochen. Das Gericht wies das zurück: Es scheine, als ob „das Schlimmste, was einem Angeklagten per Gesetz angetan werden kann, noch zu gut für ihn ist. Das kann und darf nicht die Ansicht der Strafkammer sein.“ Sie habe alle Umstände abzuwägen und eine angemessene Strafe zu finden.

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erstellt am 21.10.2013 | 00:00 Uhr

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