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Dreharbeiten : Rebellion im Museumsbahnhof

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der historisch bewanderte Regisseur Jens Becker verfilmt den Matrosenaufstand von 1918, der mittlerweile als Geburtsstunde der deutschen Demokratie gilt. Aufnahmen für das Doku-Drama „Novembersturm“ laufen in Schönberg, aber auch in Flensburg, Kiel und Hamburg wird gedreht.

shz.de von
erstellt am 17.Okt.2017 | 18:03 Uhr

Eine junge Frau schiebt ihren hochrädrigen Kinderwagen über den Bahnsteig, an der Ecke lehnt ein hagerer hohlwangiger Matrose mit ernstem Gesicht. Die Straßenbahn fährt vor. Der Schaffner lässt Karl Artelt und seine Verlobte Helene einsteigen – so könnte es 1918 in Kiel tatsächlich ausgesehen haben. Auf dem Museumsbahnhof in Schönberger Strand (Kreis Plön) liefen gestern Filmaufnahmen zum Doku-Drama über den legendären Matrosenaufstand vor 100 Jahren: „Novembersturm“ soll im Herbst 2018 bei Arte Premiere haben.

Karl Artelt, gespielt von Lucas Prisor (bekannt aus dem TV-Mehrteiler „Charité“ oder aus „Das kalte Herz“), ist eine historische Figur. Als 27-Jähriger führte er gemeinsam mit Lothar Popp den Matrosenaufstand an und gründete am 4. November 1918 den ersten Soldatenrat. Wenig später saß er am Verhandlungstisch dem Gouverneur Wilhelm Souchon (Ernst Stötzner) gegenüber.

„Er ist bereit, alles zu opfern, sogar seine Liebe“, sagt Prisor über Artelt. Ihn fasziniert der Idealismus der rebellischen Matrosen: „Das könnte man sich auch heute wünschen.“ Henriette Confurius („Die Holzbaronin“, „Tannbach“) verkörpert Karls Verlobte Henriette in ihrem langen grauen Kleid und der grünen Leinenweste. Auch ihr gefällt die Rolle, spielt sie doch in der Zeit des Umbruchs eine freie selbstbewusste junge Frau.

Ihr Bruder August (Alexander Finkenwirth) versucht sie noch umzustimmen. Doch sie begleitet ihren Karl unter Lebensgefahr selbst dann, als – auch das ist historisch verbürgt – 50 Meuterer aus dem Gefängnis befreit werden. In „Novembersturm“ übernehmen Gustav Peter Wöhler als Konditor und Rainer Reiners als SPD-Politiker Gustav Noske weitere Rollen. Hinzu kamen gestern in Schönberg nicht weniger als 28 Komparsen.

An Noske scheiden sich die Geister, betont Drehbuchautor und Regisseur Jens Becker. Wahlweise wird er als Verräter an der Freiheitsbewegung geschmäht oder als der Retter vor der Räterepublik gepriesen. „Die Wahrheit hat viele Seiten“, erklärt Becker. In der DDR groß geworden mit der ideologischen Verklärung des Matrosenaufstandes, lässt er die Rebellion – die heute als Geburtsstunde der deutschen Demokratie gilt – aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. In den „Novembersturm“ eingeblendet werden Aussagen dreier Querdenker. Ausgesucht hat sich Becker den Ex-SPD-Ministerpräsidenten Björn Engholm, den Flottillenadmiral Kay-Achim Schönbach sowie die Linke-Politikerin Sarah Wagenknecht.

Gedreht wird auch in Flensburg und Stade, Kiel und Hamburg. Finkenwirth wie Prisor sprechen fast wie die Matrosen anno 1918, wenn sie diese Umherzieherei schmunzelnd erklären: „Wir pendeln wie die Nomaden und machen alles für die Revolution.“

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