Ultras vor Gericht : Rakete traf 19-Jährige am Hals

Offiziell verboten:  Immer wieder zünden Ultras im Stadion ihre Bengalos an. Das passiert Holstein Kiel ebenso wie allen anderen Profi-Vereinen im Fußball.
Offiziell verboten: Immer wieder zünden Ultras im Stadion ihre Bengalos an. Das passiert Holstein Kiel ebenso wie allen anderen Profi-Vereinen im Fußball.

Am Landgericht hat ein Prozess gegen sieben Fußball-Ultras von Holstein Kiel begonnen. Sie haben in der Silvesternacht 2013/14 Raketen auf der Bergstraße gezündet. Eine 19-jährige Frau wurde getroffen, sie erlitt schwere Verletzungen.

shz.de von
29. Januar 2018, 18:53 Uhr

Sie stand zum verkehrten Zeitpunkt am verkehrten Ort: In der Silvesternacht 2013/14 wurde eine 19-jährige Frau im Kieler Disco-Viertel an der Bergstraße von einer Rakete getroffen. Sie erlitt schwere Verbrennungen im Hals- und Brustbereich. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft ist dafür eine Ultra-Fangruppe von Holstein Kiel verantwortlich. Seit gestern müssen sich sieben junge Männer vor dem Landgericht verantworten.

Die Anklage wirft ihnen Landfriedensbruch und Beteiligung an einer Schlägerei vor. Die Gruppe soll schon vor dem Jahreswechsel randalierend durch die Stadt gezogen sein. Und weil sie im „Tucholsky“ Hausverbot erhielten, nahmen die sieben Ultras offenbar von der gegenüberliegenden Straßenseite aus die Türsteher und den Eingang unter Beschuss. Die Raketen und Böller haben zwei der Angeklagten laut Staatsanwaltschaft Wochen vorher im Internet per Großeinkauf bestellt – in einem polnischen Shop, der offensiv mit „the best pyro“ wirbt. Die Rauchfarben der Bengalos waren mit Blau, Weiß, Rot angegeben, das sind die Vereinsfarben des heutigen Fußball-Zweitligisten.

Eine der abgefeuerten Raketen traf eine 19-Jährige, die vor der Disco auf Einlass wartete. Ihr Schal stand sofort in Flammen, die künstlichen Faserstoffe verursachten schwere Verbrennungen auf ihrem Oberkörper. Die junge Frau musste mehrfach operiert werden. Die entstellenden großflächigen Narben schränken die Elastizität der Haut stark ein und bereiten weiterhin Schmerzen. „Die Prognosen für ein gutes kosmetisches Ergebnis sind schlecht“, erklärte der Staatsanwalt. Nach seinen Worten ist es der jungen Frau nicht möglich, Sport zu treiben. Bis heute wird sie psychotherapeutisch behandelt.

Insgesamt wurde gegen elf Verdächtige ermittelt, sieben sitzen seit gestern auf der Anklagebank. Bei Hausdurchsuchungen im Frühjahr 2014 waren bei den Beschuldigten auch nicht-zugelassene Fackeln und Rauchkörper sowie große Mengen an Salpetersäure gefunden worden – der Grundstoff zur Herstellung von Böllern.

Der Richter der 2. Strafkammer stellte zu Beginn der Verhandlung fest, dass man wohl Schwierigkeiten haben werde, jenen Täter zu finden, der inmitten der Silvesterknallerei die Rakete auf die Frau gegenüber abgefeuert hatte. Doch die beiden Strafttatbestände Landfriedensbruch und Schlägerei erlauben auch eine gemeinschaftliche Verurteilung. Was im Übrigen der heute 23-jährigen Frau helfen würde, Schmerzensgeld einzuklagen.

Die sieben Angeklagten machten gestern beim Prozessauftakt zu den Vorwürfen keinerlei Angaben. Fortgesetzt wird das Verfahren Anfang Februar mit Zeugenbefragungen und der Aussage der jungen Frau.

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