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Ungewöhnlicher prozess : Räuber kam mit einäugiger Maske

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Landgericht Kiel: Gestern wurde der merkwürdige Fall eines Tankstellen-Räubers verhandelt, der sich betrunken nur einen Augenschlitz in seine Maske schnitt. Urteil: zwei Jahre und zehn Monate Haft sowie Unterbringung in einer Entziehungsanstalt.

shz.de von
erstellt am 13.Mai.2014 | 06:31 Uhr

Selten bieten Gerichtsprozesse Anlass zum Lachen. Doch gestern musste sogar der Angeklagte im Kieler Landgericht schmunzeln. Auch das Opfer wirkte gefasst, beinahe unbeschwert.

Es geht um den vermutlich ungewöhnlichsten Überfall auf eine Tankstelle, der je in der Landeshauptstadt verübt wurde. Der Vorwurf: Jan P. (30, Name geändert) hat ihn im Dezember letzten Jahres unter Vorhalt eines Messers begangen. Der einschlägig vorbestrafte Angeklagte, aus schwierigen Verhältnissen und mit einem Alkohol- und Drogenproblem, gestand die Tat sofort. So weit, so alltäglich.

Seltsam an dem Fall, den die 1. Große Strafkammer gestern verhandelte: Es fehlte ein klares Motiv. Was vordergründig wie Beschaffungskriminalität wirkte, las sich laut Anklage wie die Verzweiflungstat eines Vaters, der nur an seine Kinder gedacht hat. Doch auch dies war nicht der Fall. Der Täter, mit gut zwei Promille im Blut stark alkoholisiert, verhielt sich in den Augen der Kassiererin (36) „absurd“: Jan P. trug eine schwarze Wollmaske mit nur einem Augenschlitz. Den Wein, mit dem er sich betrunken hat, hatte er bei zwei Besuchen zuvor in derselben Tankstelle am selben Abend gekauft. Ohne Maske.

Von Anfang an. Es war Montagabend, der 9. Dezember. Kurz vor Mitternacht, also kurz vor Dienstschluss, zählte die Tankstellen-Mitarbeiterin das Geld. Jan P. betrat laut Anklage mit übergezogener Maske und Messer in der Hand den Verkaufsraum, deutete damit auf die Kasse. Merkwürdig sei ihr vorgekommen, dass die Maske nur ein Loch hatte, gab das Überfallopfer im Zeugenstand an: Es sei so klein und fast mittig angebracht gewesen, „dass ich bezweifle, dass der Täter gut sehen konnte.“ Jan P. hatte zwar ein großes Gärtner-Messer in die „Shell“-Tankstelle an der Brunswiker Straße mitgebracht – doch die Überfallene fühlte sich nicht unmittelbar bedroht, wie sie aussagte. Die 36-Jährige gab ihm das gesamte Geld – 730 Euro – und bot ihm auch noch das Kleingeld sowie eine Tüte an. Der Räuber lehnte ab. Schließlich zeigte sie ihm laut Anklage die leere Kasse und hob die Hände. Als der Täter das Geld eingesteckt hatte, bewegte er sich rückwärts zur Tür und sagte zur Kassiererin, „dass sie ihm keinen Ärger machen sollte, es ihm leid täte und dass er das wegen seiner Kinder mache.“ Mit einer Art Dankes-Geste verließ er die Tankstelle, wurde wenig später wegen einer Zeugenaussage von der Polizei gefasst.

An die Entschuldigung, sagte der Angeklagte, könne er sich nicht mehr erinnern. Filmriss. Er habe sich trotz Schulden in keiner akuten Geldnot befunden, „Weihnachtsgeschenke für meinen vierjährigen Sohn hatte ich bereits gekauft und auch Bargeld zu Hause“. Wahrscheinlicher: Jan P. hat sich, wenn er betrunken ist und es ihm psychisch schlecht geht, nicht mehr unter Kontrolle. Dann macht er Dummheiten oder begeht Straftaten. Eine psychiatrische Gutachterin bescheinigte dem 30-Jährigen denn auch eine Alkoholsucht sowie eine Persönlichkeitsstörung mit emotionaler Instabilität. Trotz heroinsüchtiger Mutter schaffe es der Angeklagte dennoch, in guten Phasen zu „funktionieren“: So schloss er eine Ausbildung zum Friedhofsgärtner bei der Stadt Kiel ab – als Landesbester – und arbeitete bis vor kurzem als Gärtner. Und das alles trotz Alkoholproblem und dem Konsum harter Drogen sowie Entgiftungen. In einer Einrichtung sei bei Jan P. sogar ein hoher IQ-Wert von 130 festgestellt worden, so die Ärztin.

Der Verteidiger plädierte auf eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren Haft, die Staatsanwaltschaft forderte drei Jahre Haft sowie die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Der Richter schließlich verurteilte Jan P. wegen besonders schwerer räuberischer Erpressung, aber in einem minderschweren Fall, zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft sowie zum Entzug in einer Einrichtung. Nur so sei gesichert, dass Jan P. die Therapie durchziehe.

Wie ging es für die Kassiererin weiter? Sie hat den Überfall gut verkraftet, trat ohne Unterbrechung ihren Dienst in der Tankstelle wieder an.

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