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Leerstehende Villa : Rätsel um altes Kieler „Pastoren-Haus“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es muss einst eine schöne Villa gewesen sein - heute ist das leerstehende Haus in Kiel-Russee eine Schmuddelecke. Von der niemand so recht weiß, was dahinter steckt. Eine Spurensuche.

Kiel | Dieses Schild. Sogar eine Hochzeitsgesellschaft hat sich schon davor fotografieren lassen. Die Freunde des Bräutigams fanden es wohl witzig. Die Fotos dazu kursieren im Internet. Man muss es nur in der Suchmaschine eingeben: „Beratungszentrum und Herberge für arbeitslose Pastoren“. Ein verwitterter Schriftzug, blau auf weiß, vier Latten, so hängt der Hinweis an der Seitenwand des Hauses in Kiel. Nummer 376 steht etwas zurückgesetzt an der Rendsburger Landstraße, die die Stadtteile Hassee und Russee miteinander verbindet. Eine düstere, grau-braune Villa aus der Gründerzeit. Baufällig. Unbewohnt. Aber manchmal stehen Fenster auf Kipp. Dieses Haus wirft viele Fragen auf. Wem gehört es eigentlich? Wer hat darin gewohnt? Und was sollte dieses Schild?

Es ist das wohl rätselhafteste Haus in Kiel. Je mehr darüber ans Licht kommt, desto interessanter wird es. Ein Name taucht im Zusammenhang immer wieder auf: Thomas Göbell. Doch der Mann wirkt wie ein Phantom. Kontakt ist unmöglich. Also müssen andere Quellen dienen. Anwohner. Polizei. Die Freiwillige Feuerwehr Russee. Die Stadtverwaltung Kiel. Die Lübecker Stadtverwaltung. Eine Kieler Anwaltskanzlei. Der Kieler Mieterverein. Das Internet. So fügt sich Puzzleteil für Puzzleteil aneinander. Dennoch bleiben Fragen offen. Aber alles der Reihe nach.

Die Spurensuche beginnt an der Haustür. Flaschengrün gestrichen, zwei nicht ganz lesbare Schilder kleben schief im Fenster. Auf dem linken warnt eine Notiz: „Haus vorübergehend nicht begehbar wegen polizeilicher Spurensicherung“. Rechts daneben steht eine unvollständige Telefonnummer – für „Mietinteressenten und Handwerker“. Keine Namen an der Klingel. Ein brüchiger Lattenzaun vor dem Hinterhof. Schweinchenfiguren im Fenster. Ansonsten: Alles still.

Die Anwohner. Vielleicht wissen die Nachbarn mehr? Im Fahrradgeschäft nebenan – Fehlanzeige. Der Polizei-Hinweis sei selbstgemacht, will ein Mitarbeiter wissen. Amtlich sei der nicht. Angeblich hat jemand ihn angebracht, um Jugendliche abzuschrecken. Im Blumenladen schräg gegenüber dann ein Tipp: „Fragen Sie mal Eggert Rehder, der wohnt nebenan.“

Zurück zu den Wurzeln. Eggert und seine Frau Else Rehder kennen sich im Stadtteil Russee aus; beide sind dort groß geworden, Eggert Rehders Großvater Otto Rehder war einst Bürgermeister von Russee, bevor das Dorf eingemeindet wurde. Sie laden ein zum Gespräch in ihr Wohnzimmer im Dachgeschoss. Was wissen sie über Nummer 376? „Das Haus hat einiges hinter sich“, sagt Else Rehder (74). „Für uns Russeer ist es ein Schandfleck.“ Dabei muss es einmal ein imposantes Gebäude gewesen sein. Else Rehder zaubert eine Chronik hervor. Dort findet sich ein Schwarz-Weiß-Bild des Hauses. Der Chronik zufolge wurde die Villa im Jahr 1911 erbaut. Fachwerkbalken zieren das Obergeschoss, die sind ebenso erhalten wie das große Laden-Fenster vorne rechts. Denn „am 1.8. 1937 übernahm Heinrich Bols das einzige Friseurgeschäft in Russee, welches sich in dem genannten Gebäude befand“, schreibt der Autor. 1940 wurde das Geschäft geschlossen, nach den Kriegswirren eröffnete es wieder für einige Jahre. 1960 folgte auf den Frisörladen die Drogerie Möller, die vier Jahre später in einen benachbarten Neubau umzog.

Was jedoch mit der grauen Villa nach 1964 passiert ist, bleibt unklar. Auch, ob dort tatsächlich einmal Pastoren unterkamen. Handwerker sollen dort Lagerräume gehabt haben, vielleicht gab es eine Werkstatt. Auch der Zeitpunkt, ab dem Thomas Göbell sich für das Objekt zu interessieren begann. „Es muss in den 80er Jahren gewesen sein“, meint das Ehepaar. Die Rehders sagen: „Er selbst hat dort aber nicht gewohnt.“ Ein paar Details, die die Rehders zusammengetragen haben: Kuriose Gestalten nisteten sich offenbar im „Pastoren-Haus“ ein. So seien im September 1992 Szene-Gänger aus der Zeit der Besetzung der Hafenstraße in Hamburg in Russee untergekommen – und blockierten den Rehders die Einfahrt. Zur selben Zeit wohnten auch Studenten in dem Haus, hatten jedoch Ärger mit ihrem Vermieter. Damals soll Göbell die Heizung im Winter abgestellt und den Studenten gedroht haben – so zumindest geht es aus TV-Berichten aus dem Jahr 1992 hervor, die die Rehders archiviert haben. Dazu später mehr. Mit einer Druckerei-Firma sei Göbell pleite gegangen, berichtet Eggert Rehder. Und dann ist da noch die Rede von einem ominösen „Hotel Rucksack“ in dem Haus. Das es dort aber nie wirklich gab. Was wiederum zur Feuerwehr in Russee führt – und einem kuriosen Einsatz im Jahr 2005.

Aus dem Einsatzbericht der Feuerwehr Russee: „Klasse 10F1 ohne Unterkunft“ heißt die Überschrift des Berichts von Björn Beeck. Eine „Rettungsaktion“ der besonderen Art ergab sich am 12.09.2005, als ein Kamerad eine Schulklasse vor dem Hotel Rucksack bemerkte“, heißt es. Die Klasse 10F1 der Liebfrauenschule aus Bensheim (Hessen, Anm. d. Red.) hatte sich, getäuscht von einem kleinen schwarz-weiß Foto und einer geschwindelten Beschreibung, in dieser Unterkunft gegenüber der Feuerwehr eingemietet.“ Das, was jedem Russeer gut bekannt sei, habe diese Klasse erst vor Ort feststellen können. „Denn von einer schönen Unterkunft mit nahe gelegenem Sport- und Spielplatz sowie einem Badesee ist nicht viel zu sehen.“ Vielmehr handele es sich um ein von Grund auf sanierungsbedürftiges Gebäude, welches in keinem Hotelführer auftauchen dürfte, schreibt Beeck weiter. „Somit wollten die Mädchen dort auch nicht eine Nacht bleiben und wurden erstmal im Gerätehaus aufgenommen.“ Nach langen Telefonaten und mit Unterstützung der Feuerwehr- und Polizeileitstellen sowie einer Streifenwagenbesatzung konnte zu später Stunde die Jugendherberge am Westensee erreicht werden. „Allein dort waren für diese Nacht noch Betten frei. Anschließend fuhren einige Kameraden die Mädchen zu ihrer Unterkunft.“

Die Stadt Kiel. Es gibt Gerüchte, die Stadt Kiel habe das „Hotel Rucksack“ in einem Verzeichnis geführt. Pressesprecher Arne Gloy ist davon nichts bekannt: „So was machen wir nicht.“ Allerdings, sagt Gloy, „wundert mich bei dem Haus so langsam gar nichts mehr.“

Die Polizei. Der Pressestelle der Kieler Polizei ist in letzter Zeit nichts Gravierendes über das Haus untergekommen. „Im September 2013 wurde eine Sachbeschädigung gemeldet, eine Glastür wurde eingeworfen“, sagt Sprecherin Merle Neufeld auf Anfrage. Und verweist an die Gesellschaft für nordische Kirchen- und Kirchenrechtsgeschichte in Lübeck. Diese sei als Verantwortliche für das Haus gemeldet. Die Gesellschaft hat keinen eigenen Auftritt im Internet. Eine Kieler Telefonnummer läuft ins Leere. Als Sitz gilt Schleswig. Bei der Recherche stößt man auf eine Kieler Anwaltskanzlei.

Die Kanzlei. Am 7. Oktober 2009 gab die Kanzlei Cornelius + Krage eine Medieninformation heraus. „Gesellschaft für nordische Kirchen- und Kirchenrechtsgeschichte e.V. ist insolvent“ – so lautet die Überschrift der Mitteilung. Vor dem Amtsgericht Flensburg wurde demnach über das Vermögen besagter Gesellschaft nach einem Gläubigerantrag das Insolvenzverfahren im September 2009 eröffnet, der zur Kanzlei gehörige Rechtsanwalt Salim Khan Durani zum Insolvenzverwalter bestellt. Der Verein wurde bereits 1988 gegründet und ist u.a. seit rund 15 Jahren Eigentümer mehrerer Wohn- und Geschäftshäuser in der Lübecker Altstadt, heißt es weiter. Deren Zustand sei mit „marode“ nur unzureichend beschrieben. Es habe bereits Ärger gegeben, weil im „Goldenen Anker“ (ehemaliges Hotel, Anm. d. Red.) illegale Leitungen verlegt worden sein sollen und ein Feststoffkessel im Hof die Nachbarn aufbrachte. Die Gebäude gelten als historisch wertvoll, verkommen jedoch. Ein Verkauf soll offenbar verhindert werden.

Damals ging der Insolvenzverwalter davon aus, dass das Verfahren etwa zwei Jahre dauern würde. Nachfrage bei der Kanzlei. „Das Verfahren läuft immer noch“, sagt Janin Marholz von Cornelius + Krage. Eine Einigung mit der Gläubigerversammlung sei gefunden worden – doch das Verfahren schleppe sich hin: „Die Abwicklung des Vergleichs steht noch aus.“ Und was hat Thomas Göbell mit der Gesellschaft zu tun? „Rein rechtlich gar nichts“, erklärt Janin Marholz, die mehrfach mit Göbell zu tun hatte. Mehr Auskünfte darf sie mit Hinweis auf das nicht-öffentliche Verfahren nicht geben.

Nach Informationen von shz.de ist allerdings Hildegard Göbell Vereinsvorsitzende – die Mutter des Kielers. Thomas Göbell zieht offenbar im Hintergrund die Strippen, ist aber für Gläubiger schwer zu belangen, auch durch ein Geflecht aus Vereinen, das er rund um die Immobilien gegründet haben soll. Die Vermutung liegt nahe, dass zur Insolvenzmasse auch das Haus in Kiel-Russee gehört. Auch dies könnte an Vereine untervermietet worden sein. Wem es derzeit gehört, ist unklar. Möglich, dass Göbell es aus der Insolvenzmasse wieder herausgekauft hat.

Das Internet. Im Internet beginnen viele Spuren, versanden aber wieder. Gibt man den Namen Göbell, „Rucksack Hotel“ oder die Adresse ein, spuckt die Suchmaschine Kieler Telefonnummern aus. Aber die sind nicht aktiv. Dazu gibt es den Hinweis auf eine „Arbeitslosengewerkschaft Kreisverband und Ortsverband Kiel-Süd“. Bei dem Stichwort Thomas Otto Göbell findet sich ein weiterer Eintrag: Unter der Adresse Harmsstraße 13 in Kiel ist ein „Gemeinnütziger Verein zur Förderung des Studentenwohnheimbaus“ gelistet. Mit genau diesem Verein hatte schon der Kieler Mieterverein zu tun.

Der Mieterverein. Jochen Kiersch ist schon lange Geschäftsführer des Kieler Mietervereins. Er hat viel erlebt. Der Name Göbell ruft prompt Erinnerungen wach: „Ein unangenehmer Vermieter“, sagt Kiersch. „Ich habe ihn in 25 Jahren nicht vergessen. Er war immer klamm.“ Der Mann habe viel Stress gemacht, so Kiersch: „Er war ein cleverer Student, der Kommilitonen über den Tisch gezogen hat.“ Zwei Prozessakten findet Kiersch im Archiv, vom Amtsgericht Kiel, aus der Mitte der 80er Jahre. Einmal sei es um einen rückständigen Mietzins, einmal um Mängel wegen fehlender Heizung gegangen. Kiersch: „Beide Prozesse haben die Mieter gewonnen.“

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erstellt am 25.Jan.2014 | 10:47 Uhr

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