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Kieler Woche 2017 : Protestjammer - Ein Bericht aus drei Perspektiven

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der krönende Abschluss der Kieler Woche beeindruckte und geriet dennoch zu einem Trauerspiel . Schuld sind die geplanten Neuregelungen für Traditionssegler.

shz.de von
erstellt am 25.Jun.2017 | 10:05 Uhr

Kiel | Die Windjammerparade wird jährlich von Tausenden Zuschauern beobachtet. In diesem Jahr haben sich fünf unserer Reporter unter die Schaulustigen gemischt. Katharina verfolgte das Spektakel vom eigenen Rumpf aus, Denise und Franzi positionierten sich am Leuchtturm und riskierten keine nassen Füße. Armin und Jonna waren mittendrin. Sie teilten das Deck mit der Crew des Führungsschiffs auf der Thor Heyerdahl.

Paradenstart für die Geschichtsbücher

Kurz durfte Katharina  einmal steuern.
Kurz durfte Katharina einmal steuern. Foto: shz
 

Kurz nach Neun: Leinen los in Schilksee. 13 Leute tummeln sich dick eingepackt in Schwimmweste und Ölzeug an Deck der Segelyacht Sigrun, mittendrin bin ich, Katharina. Knapp zwölf Meter ist das Schiff, die Sigrun, lang. Kaum sind alle Leinen und Fender verstaut, gibt es – noch im Hafen – eine schnelle Einweisung von unserem Skipper Thomas für die Neulinge an Bord. Wo ist Backbord, wo Steuerbord? Was bedeutet Luv und Lee? „Aus Luv da kommt die Luuuft, in Lee da ist es luftleer“, sagt er und gestikuliert dabei wild mit den Armen.

Auch wichtig: Kommt der Wind von hinten, Köpfe runter, damit niemand vom Großbaum getroffen wird. Die alten Hasen können schon mitsprechen, hören aber brav zu. Segel werden erst einmal nicht gesetzt. Wir motoren uns langsam Richtung Förde.

Die Wolken werden dichter, sperren die letzten Sonnenstrahlen aus. Segel setzen. Großsegel mit eingebundenem Reff und die Fock. Es soll windig werden, deswegen sind wir mit möglichst wenig Segelfläche unterwegs. Kurz hinter dem Friedrichsorter Leuchtturm wird klar, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Die Böen drücken uns gut auf die Seite.

Nicht fehlen darf der Gruß an Rasmus, den Wettergott der Seefahrer. Ein Schuss Sherry fürs Schiff geht ins Wasser einen kriegt jedes Crewmitglied. Soll gutes Wetter bringen. Einige finden, man könne auch etwas Leckeres trinken, andere sehen in dem Sherry fast einen Nachtisch.

Um halb elf sind wir in der Innenförde angekommen. Die Thor Heyerdahl steht auf der Stelle und dreht sich ganz langsam um sich selbst. Wir lassen sie backbord und winken meinen Kollegen zu, die mitfahren dürfen. Der Wind trägt die leisen Klänge eines Schifferklaviers herüber. Kurze Zeit später ertönt ein Schuss. War das das Signal für die Windjammerparade? So dicht an der Startlinie war ich noch nie. Die Thor Heyerdahl setzt sich in Bewegung, Träge schiebt ihren bauchigen Rumpf vorwärts Richtung Ostsee. Neben uns beginnt gleichzeitig eine Art Ruderrennen der Marine. Super Timing.

Wir wollen den beiden Führungsschiffen folgen, bemerken aber dann, dass die anderen Traditionssegler sich nicht von der Stelle bewegen. Wie angekündigt protestieren sie. Lassen eine Lücke zwischen sich und den größten ihrer Art. Wir öffnen die Segel und lassen uns zurückfallen. Kurz ist es merkwürdig still. Keine Motoren und irgendwie auch kein Wind. Nur der Regen prasselt leise auf das Deck.

Dann ertönt von einem der Schiffe ein Schallsignal. Ein langer, dumpfer Ton. Es dauert nur Sekunden, bis die anderen Traditionssegler einstimmen. Wir bekommen Gänsehaut. Einer unserer Leute eilt nach unten, um unser kleines Nebelhorn zu holen. Wir wollen einstimmen, Solidarität zeigen mit den Kolossen, die schon mehr von der Welt gesehen haben, als alle Berliner Politiker zusammen.

Bevor wir soweit sind, ist es aber schon wieder still. Die Boote setzen sich in Bewegung und folgen der strikt vorgegebenen Choreografie, die von den Behörden aufgrund der Enge in der Förde angeordnet wurde. Die Thor Heyerdahl ist längst im Dunst verschwunden. Nur noch schemenhaft können wir ihre Masten ausmachen.

Kurz vor Ende der Parade holt uns ein kleines hellblaues Boot ein. Der Rumpf ist aus Holz, die einzelnen Balken können wir unter der Himmelsfarbe gut erkennen. Die vorderen Segel sind gesetzt. An Backbord ist ein Banner befestigt: „Maritime Viel- statt bürokratische Einfalt“. Ein Appell, der uns neben dem wütenden Wind kurz die Luft zum Atmen nimmt. Denn was die Neuregelungen für die Traditionsschiffer bedeuten, ist diesmal auf der Windjammerparade eindrücklich zu sehen.

Der Protest vom Leuchtturm aus

Das Foto von Franzi machte Dénise.
Das Foto von Franzi machte Dénise. Foto: shz
 

Dicke Regentropfen prasseln auf die Frontscheibe unseres Autos. Wir, Franzi und Dénise, sind in Friedrichsort angekommen. Bei dem Schietwetter lockt es Hunderte an den Leuchtturm. Während unsere Kollegen auf zwei verschiedenen Schiffen an der Windjammerparade teilnehmen, mischen wir uns unter die Zuschauer an Land. Als Kieler-Woche-Neulinge fragen wir uns, was das mit den ganzen Schiffen soll.

Um zum perfekten Aussichtspunkt zu gelangen, stapfen wir durch den feuchten Sand. Bunte Jacken, Schirme und Strandmuscheln weit und breit. Die Schaulustigen sind gut vorbereitet. Zum Teil haben sie sogar Picknickkörbe dabei. Echte Nordlichter essen ihre Butterstullen am Strand bei Wind und Wetter. Wir haben Wasser und Zigaretten – und eine Decke. Auf einer kleinen Mauer breiten wir sie aus.

Wir blicken in die Kieler Innenförde – nur, dass wir wegen des Nebels nichts sehen. Als Schemen schimmern die Schiffe an der Startposition hervor; es soll auf Höhe Düsternbrook sein. Es ist elf Uhr, aber nach wie vor bewegen sich die Segelschiffe nicht von der Stelle. Gleichzeitig regnet es heftiger und wir fangen an zu frösteln. Viele Strandbesucher wissen nicht, dass die verzögerte Abfahrt eine Protestaktion darstellt. Sie halten stur ihre Smartphones in die Luft. Leere Meerbilder sind ja auch immer schön. Dann kommen sie. Segel und Masten zeichnen sich am Horizont ab.

Da! Endlich beginnt das Schauspiel der Segel-, Passagier- und Dampfschiffe. So viele auf einer Stelle haben wir noch nie gesehen. Das Zusammenspiel ist beeindruckend. Jetzt schnappen auch wir unsere Kamera, um die spannenden Momente festzuhalten. Doch wir müssen uns nicht beeilen; die Schiffe passieren in Zeitlupe das Tor zur Ostsee.

Das Spektakel zieht die Menschen um uns herum noch dichter ans Wasser, viele winken den Seefahrern zu. Auch wir begrüßen sie, denn schließlich befinden sich auf zwei von den Schiffen unsere Kollegen. Nach etwa einer Stunde löst sich das maritime Gewusel auf der Kieler Förde allmählich wieder auf.

Und wir verstehen, was das mit der Windjammerparade soll. Denn der Anblick einer solchen Vielfalt von Schiffen war trotz des schlechten Wetters einmalig. Außerdem stellt sich bei uns am Strand ein gewisses Urlaubsgefühl ein – und das war für uns ein besonders schöner Abschluss der Kieler Woche.

Protest aus Sicht der Thor Heyerdahl

Jonna und Armin vor der Thor Heyerdahl.
Jonna und Armin vor der Thor Heyerdahl. Foto: shz

Sartorikai an der Innenförde. Hinter einem großen Backsteingebäude am Ufer der Kieler Förde schwanken einige Segelmasten, wie kahle Bäume im Wind. Wir suchen zwischen den alten Segelschiffen den Zutritt zur Thor Heyerdahl, dem Führungsschiff der diesjährigen Windjammerparade. Ein weißer Tisch, umrandet von mit vielen Menschen, zeigt uns, wo sich der Aufgang befindet. Crew-Mitglieder drücken uns jeweils einen Namenssticker auf die Brust und einen Seemannsschaps in die Hand.

Die Thor Heyadahl liegt in zweiter Reihe, im „Päckchen“, deshalb klettern wir zuerst über ein anderes Schiff, um zu dem Führungsschiff zu gelangen. Die meisten Gäste sammeln sich auf Deck unter einem provisorischen Segeldach. Es gibt Eierschnittchen, frischen Kaffee, Bier – und sogar Wlan.

Paradendirektor Stefan Borowski, ein großer, stämmiger Mann mit Schirmmütze, steigt auf eine Kiste. Zeit für die Begrüßungsrede. Kurz erklärt er den Gästen den Ablauf der Windjammerparade, zählt sämtliche Sponsoren auf, begrüßt die Ehreng, darunter ein Flotillen-Admiral. Dann kommt Borowski auf das eigentliche Thema des Tages zu sprechen.

Diesmal nämlich ist alles anders. Die Windjammer-Parade stehe dem Zeichen des Unmut der Traditionssegler gegen eine neue Verordnung des Bundesverkehrsministeriums. Die fordert ein kostpieliges Umrüsten der alten Schiffe; viele Betreiber würden das stemmen können. „Als Führungsschiff müssen wir heute selbstverständlich unter Selgen auslaufen. Aber wir unterstzützen ausdrücklich den Protest.“

Kann das stimmen? Bei dem, was wir in dieser Woche alles gesehen haben , wirkt das Segeln auf uns nicht wie ein Hobby für Arme.

Wir legen ab. Die Crew kommt in Wallung. Überall schwirren sie in ihren roten Öljacken umher, steigen in die Wanten, ziehen an Tauen, gestikulieren und rufen sich nautische Begriffe zu, deren Bedeutung wir nur erahnen können. Trotzdem strahlen sie Ruhe aus und arbeiten geschickt um die Gäste herum.

Inmitten des Gewusels steht einer ganz ruhig da. Mit ernster Miene beobachtet er das Geschehen und gibt Anweisungen – der Kapitän. „Alles los!“ – „Wir legen ab!“ – „Backbord voll drücken!“ – „Hart Steuerbord!“ Die Frau am Steuerrad manövriert uns in Richtung Startposition. Aus dem Funkgerät schallt ein letztes Mal die Absprache, dass nach dem Start ausschließlich die Thor Heyerdahl gefolgt von der Mercedes die Parade lossegeln wird. Wir fahren in eine einsame Windjammerparade.

Der Flotillen-Admiral beißt genüsslich in ein Eierbrot. Er schimpft – wie alle an diesem Tag – auf das neue Gesetz aus Berlin. „Ich bin selbst Segler – und auch ich werde mein Schiff abwracken müssen.“ Doch die Debatte um das Gesetz sei schwierig. „Viele Menschen sind neidisch auf Segler und verstehen die Aufregung der vermeintlich reichen Bootsbesitzer nicht.“ Wir fühlen uns ertappt, nicken höflich und verabschieden uns von dem Admiral.

Unser Lieblingsplatz ist das Achterdeck. Hier haben wir alles im Blick, können die nachfolgenden Schiffe beobachten, sowie die Crew und die anderen Gäste. Neben seebärartigen Kapitän Soitzek, steht der junge Steuermann, der im Gegensatz zu seinem Kapitän, weniger ernst daher kommt. Christian Haehl delegiert seine Crew und bringt etwas Ruhe ins Schiff. Er beantwortet nebenbei alle Fragen, die wir gern dem Kapitän gestellt hätten. „Die neuen Sicherheitsbestimmungen für Traditionssegler sind ein großer Einschnitt. Das wollen wir mit der Lücke in der Parade symbolisieren“, erzählt er.

Unter Deck treffen wir Katharina. Sie studiert Sozialökonomie und arbeitet in ihrer Freizeit auf der Thor Heyerdahl. Katharina erzählt uns, dass Segeln tatsächlich kein Sport für Reiche sei. Die gesamte Mannschaft arbeite hier freiwillig und sei ein Querschnitt aus allen Gesellschaftsteilen. „Bis auf die eigene Ausrüstung muss ich für mein Hobby nichts bezahlen.“ Doch das neue Gesetz verpflichte ehrenamtliche Mannschaften teure Kurse aus eigener Tasche zu bezahlen. Auch damit sorge die Verordnung dafür, dass das Segeln zu einem Sport der Reichen verkomme.

Nach fast sechs Stunden auf der Thor Heyerdahl fühlen wir uns schon fast wie ein Teil der Crew. Alle haben sich an unsere Fotos und Fragen gewöhnt, selbst dem alten Seebären konnten wir ein Zucken im linken Mundwinkel entlocken. Die Crew war den ganzen Rückweg damit beschäftigt die Segel einzuholen und klettert in luftige Höhen hinauf, in denen sie teilweise über eine Stunden hingen.

Bei der Einfahrt wird es nochmal spannend. Alle Schiffe, Tarditionssegler, Sportboote, Motorboote und Fähren laufen nun gleichzeitig in die Innenförde ein. Wir versuchen, den roten Öljacken möglichst wenig im Weg zu stehen.

Und da ist auch wieder Katharina: In einem kleinen, roten Schlauchboot neben der Thor Heyerdahl. Einem Schlepper. Gleich drückt sie vom Heck zum Bug fahrend die Thor Heyerdahl an den Anleger.

Erschöpft, mit sonnenverbrannten Gesichtern, aber glücklich gehen wir von Bord. Wir sind beeindruckt. Vom Zusammenspiel der Mannschaft an Deck, ebenso wie von der Protestaktion. Von wegen reiche Schnösel.

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