Prozess am Amtsgericht : Prostituierte zockte naiven Rentner ab

Ein Edel-Bordell sollte in der Westerländer Strandstraße entstehen.
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Ein Edel-Bordell sollte in der Westerländer Strandstraße entstehen.

Bewährungsstrafe für 29-Jährige: Amtsgericht in Kiel sah es als erwiesen an, dass die Prostituierte mindestens 14 000 Euro von einem Rentner (heute 80) ergaunert hat.

shz.de von
23. Januar 2015, 13:14 Uhr

Hat ein Rentner (80) seine Altersvorsorge für die Liebesdienste einer Prostituierten verjubelt – oder ist er von einer geschickten Betrügerin in Kiel abgezockt worden? Wegen dieses Vorwurfs musste sich gestern eine junge Frau (29) vor dem Kieler Amtsgericht verantworten. Im Zeitraum von neun Monaten hatte der Mann ihr vor drei Jahren laut Anklage mindestens 75  000 Euro, nach eigener Aussage sogar insgesamt 115  000 Euro zur Verfügung gestellt.

Mal ging es der Anklage zufolge um Zahn-Behandlungen, mal um neue Papiere, mal die Reparatur eines Autos oder die Kaution für einen Bruder in U-Haft. Wiedergesehen hat der Witwer bis heute keinen einzigen Cent. Er verschuldete sich sogar, weil er an eine mögliche Erbschaft der Frau in Bulgarien geglaubt hatte. Allerdings ignorierte der frühere Hausmeister auch Warnungen einer Reisebank, Geld nach Bulgarien zu überweisen. Am Ende fielen allein auf diesem Weg 17  400 Euro an. Erst als es viel zu spät war, erstattete der Mann Anzeige.

Das Gericht schenkte gestern den Aussagen des Rentners mehr Glauben als der Frau. Insgesamt 18 Vorwürfe gewerbsmäßigen Betrugs wurden verhandelt. Doch nach einer vierstündigen Verhandlung, in der Aussage gegen Aussage stand, hielt die Richterin nur einen einzelnen Betrugsfall über eine Summe von 14  000 Euro für erwiesen. Denn dafür hatte das Opfer einen Schuldschein mit der Unterschrift der Angeklagten.

Das Urteil fiel entsprechend mild aus. Zu fünf Monaten Freiheitsstrafe, auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, verknackte die Richterin die Angeklagte. Damit folgte sie dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Der Verteidiger hatte auf vier Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung plädiert. In den übrigen Fällen wurde die 29-Jährige freigesprochen.

Im Spätsommer 2011 hatten sich beide in Kiel kennen gelernt. Er sagte, er habe sie am Oslokai angesprochen. Sie sagte, der erste Kontakt sei in einem Bordell am Hafen gewesen. Ihm gefiel ihr Lächeln. Er fotografierte sie am Wasser. Sie trafen sich, hatten Sex. Er bezahlte dafür. In diesem Punkt waren sich beide einig. Doch für den Rest der Geschichte haben beide ihre eigene Wahrheit.

Ihre Version: „Dieser Mann hat bezahlt für Sex.“ Mehrmals am Tag sei der Rentner zum Teil bei ihr gewesen, habe viele Extra-Dienste verlangt – „wie es ihm passte – ein Jahr lang.“ Der Mann sei ihr erster Freier gewesen, so die Frau, seit sie im Sommer 2011 in Kiel angekommen war – und schnurstracks in das Etablissement ging, um anzuschaffen. Der Mann habe ihr Geld gegeben, damit sie ein Haus in Bulgarien kaufen könne. Doch das Geld habe nie gereicht.

Seine Version: „Wir hatten nur ein paar Mal Sex.“ Er habe Mitleid mit der Frau gehabt, sei auch anfangs verliebt in sie gewesen. Er habe ihr blind vertraut. Mit dem Urteil ist der Senior nicht zufrieden: „Ich hätte mir gewünscht, dass sie zehn Jahre in den Knast geht.“

Am Ende verlässt er als Verlierer den Saal. Er sieht sich als „Depp, der immer gezahlt hat“. Von dem Geld wird er wohl nichts wiedersehen. Er müsste zivilrechtlich gegen die mittellose 29-Jährige vorgehen. Die Frau mit den langen, braunen Haaren und dunklen Augen hat keinen Plan, wovon sie leben kann. Schule abgebrochen, ohne Ausbildung, zwei Töchter. Sie übernachtet mal hier, mal da, mal bei Freiern, inzwischen in Karlsruhe. Und sagt: „Vielleicht gehe ich zurück nach Bulgarien.“

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