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Geplantes Gasheizkraftwerk : Projekt mit Altlasten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Aufräumen vor den Bauarbeiten auf dem Kieler Ostufer: Das Areal wurde im Krieg militärisch genutzt und von den Alliierten bombardiert. Der Boden war zudem durch chemische Altlasten und Industrieschrott verseucht, ist bereits von Schadstoffen befreit.

shz.de von
erstellt am 19.Nov.2014 | 05:07 Uhr

Die Zukunft des geplanten Gasheizkraftwerks auf dem Kieler Ostufer steht in den Sternen. Eines aber ist sicher: Auf dem Gelände, das direkt an das alte Gemeinschaftskraftwerk in Dietrichsdorf anschließt, ist noch viel zu aufzuräumen. Das rund vier Hektar große Areal ist im Wortsinne explosiv. Es gilt offiziell als Kampfmittelverdachtsfläche. So heißt das im Fachjargon. Dort können nicht einfach die Bagger drauflosrollen.

Der Bereich, etwa so groß wie sechs Fußballfelder, gehört zu Anlagen, die seit Kaiserzeiten bis Ende des Zweiten Weltkriegs militärisch genutzt wurden; die Alliierten bombardierten das Gebiet, Blindgänger und Streumunition lauern im Boden. Nur teilweise wurden sie bereits unschädlich gemacht. Die Bombenkrater auf der nebenstehenden Karte aus dem Jahr 1945 haben Durchmesser von rund zehn Metern. Chemische Altlasten und Industrie-Schrott aus den 70er-Jahren im Untergrund verschärften das Problem. Das Erdreich war verseucht, musste teilweise ausgetauscht werden. Der Untergrund für das Kraftwerk, das Kiel für Jahrzehnte mit Fernwärme versorgen soll, muss deshalb bis sechs Meter unter der Geländeoberkante – Niveau Zweiter Weltkrieg – an die künftige Baufirma sauber übergeben werden. Dafür wurde der Boden eigens tief abgetragen.

Eine teure, aufwändige Angelegenheit, die sich nach Angaben der Stadtwerke als Bauherr nicht vermeiden lässt. Denn ein alternativer Standort kommt wegen der notwendigen Anbindung an den bestehenden Fernwärme-Tunnel nicht in Betracht, sagt Stadtwerke-Pressereferent Sönke Schuster. Ihm zufolge sind allein für die Räum-Arbeiten, die seit Anfang dieses Jahres laufen und noch bis in den kommenden Mai dauern sollen, etwa sechs bis sieben Millionen Euro fällig. Beauftragt wurde ein privater Räumdienst. Der kann sich bei der Analyse des Untergrundes auch an Ladungslisten von Einsätzen der Alliierten orientieren, die darüber genau Buch geführt hatten.

Vor Ort, direkt an der von Stacheldrahtzaun eingegrenzten Baustelle, erklärt der Stadtwerke-Ingenieur und Teilprojektleiter Andreas Thier die Hintergründe des Pflichtprogramms. „Die militärische Nutzung bestand aus Munitionslagerung und Laboratorien. Hier wurden Chemikalien für Versuche eingelagert. Auch aus diesem Grund war eine Belastung des Bodens zu erwarten.“ Die Alliierten wussten damals von dieser Nutzung, wollten Deutschland kampfunfähig machen – es gab viele Treffer, die Gebäude zerstörten. Das sind Bomben, die auch heute noch zu Evakuierungen führen. Thier: „Sechs große hatten wir hier.“ Gefährlich seien diejenigen Bomben, „die keinen großen Krater hinterlassen haben – die sind nicht explodiert, sondern eingetaucht.“

Dann gibt es noch Reste der NS-Rohrwaffenmunition – viele Patronen, Granaten, die auf dem Gebiet großflächig verteilt sind. „Sie können tödlich sein für alle, die den Erdboden bearbeiten“, erklärt der Experte. Nach dem Krieg seien die Bombentrichter aufgefüllt worden. In der Masse befand sich diese kleinteilige Munition. Ein weiteres Problem: Sie „maskiert“ bei der magnetischen Sondierung des Bodens darunter liegende Bomben. Mithilfe einer Separieranlage auf dem Gelände werden die gefährlichen Überreste jetzt aus dem Erdreich herausgeschüttelt. Übereinander gestapelte See-Container dienen als Sprengschutz. Thier: „Mittlerweile haben wir über 4000 Stück Munition gefunden.“ Für die Arbeiten würden insgesamt mindestens 60 000 Kubikmeter Erde bewegt. Das entspricht 2000 beladenen Sattelschleppern.

Man hat schon viel geschafft: Zwei Drittel des Gebiets ist frei von Munition, die Schadstoffe sind sogar bereits komplett beseitigt, erklärt der Ingenieur.

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