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Flüchtlingskrise in Europa : Polizist aus Kiel: Aus dem Ruhestand in die Erstaufnahme

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kaum in Rente, ging es für den Polizisten Helmut Kohnert zurück in den Dienst – Jetzt ist er kommissarischer Leiter der Erstaufnahme in Kiel.

shz.de von
erstellt am 05.Jan.2016 | 11:00 Uhr

Kiel | In Schleswig-Holstein verzichten 64 Polizisten auf ihren Ruhestand, um in der Flüchtlingskrise zu helfen. Helmut Kohnert (65) aus Kiel ist einer von ihnen. An einem Dienstag im Oktober hat er dem Landesamt für Ausländerangelegenheiten seine Hilfe angeboten. Am Montag darauf war er kommissarischer Leiter der Kieler Erstaufnahme.

„Ich musste auch erst einmal schlucken, als man mir den Posten angeboten hat“, sagt der Pensionär. „Die Verantwortung für 550 Flüchtlinge und 200 Mitarbeiter zu übernehmen, ist schließlich eine riesige Herausforderung.“

Helmut Kohnert sitzt in einem spartanischen Büro-Container der Erstaufnahme. Computer, Telefon, Fax. Immer wieder klopfen Mitarbeiter an die Tür, reichen Unterlagen herein oder möchten etwas abklären. „Ich hatte eigentlich vor, meinen Lebensabend ganz ruhig zu genießen“, erzählt er. Doch dann kamen die Bilder der Flüchtlinge, die ins Land strömten. „Ich habe zu meiner Frau gesagt, der Garten ist fertig, ich packe da mit an.“ Sie war einverstanden. „Ohne ihre Unterstützung wäre meine Arbeit gar nicht möglich“, sagt Kohnert.

Über 30 Jahre bei der Polizei, erst als Schutzpolizist auf dem 2. Revier, dann bei der Kripo und schließlich beim Landeskriminalamt – seine Familie muss dabei oft verzichten. Und jetzt hat Helmut Kohnert wieder einen Vollzeitjob. „Ich bereue es nicht, denn ich kann viel bewirken.“

Die Erstaufnahme sei wie ein kleines Dorf, mit Kindergarten und Schule, Arztpraxis, Wache und Gaststätte. Und Kohnert ist quasi der Bürgermeister. „Einer, den keine Ausschüsse bremsen“, schmunzelt er. Das mache es möglich, schnell Entscheidungen zu treffen. Innenminister Stefan Studt (SPD) habe bei einem Besuch der Erstaufnahme gefragt, warum es in Kiel so ruhig sei. Keine Auseinandersetzungen zwischen den Flüchtlingen, geschweige denn Messerstechereien oder andere schwere Straftaten. Die Antwort von Kohnert: „Wenn jemand ein Problem hat, wird es sofort angegangen. Das ist das Geheimnis, warum es bei uns so gut funktioniert.“

Kohnert reformierte die Essensausgabe im Speisesaal, was das Stresspotenzial verringerte. Außerdem gab es ein Dach über der Ausgabe für das Taschengeld, damit die Flüchtlinge nicht mehr im Regen stehen müssen. Das Alltagsgeschäft aber ist die Registrierung der Flüchtlinge im sogenannten Easy-System. 120 sind es an diesem Tag. Hinzu kommen all die kleinen Belange, die so unendlich wichtig sind. Einen Einzelcontainer für eine geschwächte Wöchnerin organisieren, Fahrkarten für die weitere Verteilung auf Kreise oder in andere Bundesländer aushändigen – und den Kindern erklären, dass, wenn es Silvester knallt, keine Bomben vom Himmel fallen.

Überhaupt die Kinder. Zu Weihnachten hat der ehemalige Polizist einen Baum aufgestellt. Die Kinder haben ihn geschmückt und deutsche Weihnachtslieder gesungen. „Ich war sehr gerührt“, sagt Kohnert. Ob sie den Text verstanden haben, da ist er sich nicht so sicher.

Was gleich zum nächsten Problem führt. Die Schule und der Kindergarten haben während der Ferien geschlossen. Auch die Deutschkurse für die Erwachsenen finden nicht statt. „Ich kann die Lehrer und Erzieher verstehen, aber in einer Flüchtlingsunterkunft geht das natürlich nicht“, sagt Kohnert. „Beim Deutschlernen darf es keine Pause geben.“

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