Verteidigung und Tipps : Polizei demonstriert in Kiel Risiken von Messerattacken

Hier war die Distanz zu gering: Maik Roloff in der Rolle des Polizisten hatte nicht genug Zeit, seine Waffe zu ziehen – der Angreifer, dargestellt vom Einsatztrainer Stefan Hinze, konnte mit dem Messer zustechen.
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Hier war die Distanz zu gering: Maik Roloff in der Rolle des Polizisten hatte nicht genug Zeit, seine Waffe zu ziehen – der Angreifer, dargestellt vom Einsatztrainer Stefan Hinze, konnte mit dem Messer zustechen.

Mindestens sieben Meter Abstand: Für die Polizei ist diese Sicherheitsdistanz entscheidend, um sich schützen zu können.

shz.de von
12. Oktober 2018, 17:05 Uhr

Kiel | Wenige Tage nach den tödlichen Schüssen eines Polizisten auf einen mit einem Messer bewaffneten Obdachlosen in Bad Oldesloe hat die Landespolizei die spezifischen Risiken solcher Attacken und Abwehrmöglichkeiten demonstriert. Ein Einsatztrainer der Polizei simulierte am Freitag in Kiel auf dem Gelände des Landespolizeiamtes mehrere Angriffsszenarien, ein anderer Trainer versuchte alternativ mit den Händen, mit dem Schlagstock, mit Pfefferspray oder auch mit der Dienstpistole die Attacken abzuwehren.

Pfefferspray und selbst Schüsse können zeitversetzt wirken

Polizisten sollen als Grundregel eine Sicherheitsdistanz von mindestens sieben Metern zu einem Messerangreifer haben. Innerhalb der sieben Meter bestehe bei einem Messerangreifer Lebensgefahr, erläuterte der Einsatztrainer von der Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung und für die Bereitschaftspolizei Schleswig-Holstein. Bei geringerem Abstand könne man Messerangriffe nie unbeschadet überstehen.

 

Pfefferspray könne erst zeitversetzt um einige Sekunden bei Angreifern wirken, da diese wegen ihres hohen Adrenalins zuerst kaum etwas merkten. Dies könne sogar für Schüsse gelten. Als polizeilicher Grundsatz gilt bei einem Abstand von weniger als sieben Metern: In Hochrisikosituationen wie bei einer Messerattacke ist der Einsatz der Dienstwaffe naheliegend, um sich selber zu schützen.

Sechs Regeln für mehr Sicherheit

Auch Normalbürger können in bedrohlichen Situationen Zivilcourage zeigen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Das ist das Ziel der „Aktion tu was – eine Initiative für mehr Zivilcourage“. Ziel sei es, innerhalb der Bevölkerung den Gedanken der Solidarität und des Helfens zu fördern. Dabei sei umsichtiges Handeln für die Polizei ein wichtiges Anliegen. Gefordert sei kein Heldentum. Folgende „Kleinigkeiten“ könnten bereits große Wirkung erzielen: 

  • Ich helfe, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen.
  • Ich fordere andere aktiv und direkt zur Mithilfe auf.
  • Ich beobachte genau und präge mir Täter-Merkmale ein.
  • Ich organisiere Hilfe unter Notruf 110.
  • Ich kümmere mich um Opfer.
  • Ich stelle mich als Zeuge zur Verfügung.

Die Demonstration habe nichts mit dem Fall in Bad Oldesloe zu tun und auch nichts mit der Diskussion über eine Einführung sogenannter Taser, betonte ein Polizeisprecher. In Bad Oldesloe war ein 21 Jahre alter Obdachloser am 7. Oktober von zwei Kugeln aus einer Dienstwaffe tödlich verletzt worden. Zuvor soll der psychisch Kranke die Beamten massiv mit einem Messer bedroht haben. Die Staatsanwaltschaft Lübeck geht von Notwehr aus. Alles deutet laut Staatsanwaltschaft darauf hin, dass der Angreifer so dicht vor dem Beamten stand, dass ein Schuss in die Beine nicht möglich war.

Das Innenministerium prüft, für Tests Elektroschockpistolen bei der Polizei in Schleswig-Holstein anzuschaffen. Die Jamaika-Koalition hat sich noch nicht entschieden. Die Gewerkschaft der Polizei fordert, den Einsatz dieser Waffen zu erproben. Elektroschockpistolen setzen den Getroffenen aus einer Distanz von mehreren Metern sofort für mehrere Sekunden außer Gefecht. Dabei werden zwei oder vier mit Drähten verbundene Pfeile auf einen Angreifer geschossen – über die Drähte werden dann elektrische Impulse auf den Körper übertragen.

Polizeigewerkschaft übt Kritik an Ausstattung der Polizei

Die Gewerkschaft der Polizei (DPolG) weist im Zusammenhang mit der Demonstration darauf hin, wie schwer es mit den der Polizei in Schleswig-Holstein derzeit zur Verfügung stehenden Einsatz- und Zwangsmitteln sei, Messerangriffe effektiv abzuwehren. „Die Möglichkeiten für Polizeibeamte, einem Angreifer, der den Beamten mit einem Messer attackiert, wirkungsvoll zu entgegnen und damit einer regelmäßig vorhandenen Lebensgefahr zu entgehen, sind ausgesprochen eingeschränkt“, heißt es in einer Pressemitteilung. Weder Ausziehschlagstock noch Pfefferspray seien geeignete Mittel, Messerangriffen effektiv abzuwehren.

„Polizeibeamte bekommen daher in der Aus- und Fortbildung richtigerweise vermittelt, dass gegen Angriffe mit Messern in der Regel nur die Schusswaffe als taugliches Zwangsmittel gegen den Aggressor eingesetzt werden kann.“ Dass die Staatsanwaltschaft Lübeck im Fall Bad Oldesloe eine Notwehrlage bescheinigt, sei daher zu begrüßen. Es sei in solchen Situationen kaum möglich, auf Arme oder Beine zu zielen. „Die Entscheidung zum Schusswaffengebrauch muss in Sekundenbruchteilen gefällt und auch umgesetzt werden.“ Die Polizeigewerkschaft erneuerte ihre Forderung nach einem Test von Tasern, um die Zwangsmittellücke zwischen Ausziehschlagstock, Pfefferspray und der Schusswaffe zu schließen. Nach Bewertung der DPolG hätte der Einsatz eines Tasers das Leben des 21-jährigen Obdachlosen in Bad Oldesloe retten können.

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