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Kiel als Vorbild : Plastiktüten-Verzicht: Kampagne gefragt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Beschluss fiel vor einem Jahr: Kiel soll Vorbild im Lande sein. Bisher gibt es noch keine verbindliche gemeinsame Lösung. Die Händler allerdings wollen die Unterstützung der Stadt. Denn nicht alle Kunden verzichten gern auf Plastiktüten.

Die Landeshauptstadt will mit gutem Beispiel und gutem Gewissen in Schleswig-Holstein vorangehen. Kiel soll – freiwillig – plastiktütenfreie Zone werden. Das hat die Ratsversammlung vor gut einem Jahr so beschlossen. Ein hehres Ziel. Bei einem Verbrauch von durchschnittlich 71 Tüten pro Kopf im Jahr in Deutschland kommt allein bezogen auf Kiel ein unvorstellbar riesiger Berg an Kunststoff-Müll zusammen. Es sind 1945 Tüten pro Stunde, 46  685 am Tag und rund 17   Millionen Taschen pro Jahr. Das hat Nicoline Henkel vom städtischen Umweltschutzamt ausgerechnet: „Das ist viel. Wir wollen versuchen, es auf ein Minimum zu reduzieren.“ Handel und Politik seien sich einig: „Es muss möglich sein.“

Was ist also seit dem Ratsbeschluss passiert? Es gab Runde Tische mit dem Handel, es gibt Ideen – aber noch keine verbindliche Vereinbarung. Stattdessen den Wunsch nach mehr Unterstützung seitens der Stadtverwaltung mittels einer Kampagne. Denn Kauf- und Marktleute merken immer wieder: Die Plastiktüte ist zäh. Sie verrottet nicht nur kaum, sie wird auch nach wie vor stark genutzt. Besonders bei Regen. Auf dem Kieler Wochenmarkt genauso wie von Supermarkt-Besuchern oder den Kunden der Modegeschäfte. In Stadtteilen wie Gaarden auf dem Ostufer, so Nicoline Henkel, sei das bisweilen ungehemmte Ausgeben der Beutel in manchen Läden „ein Problem“.

Marten Freund betreibt einen großen Lebensmittelmarkt in der Flaniermeile Holtenauer Straße. Er nimmt seit 30 Jahren Geld für Plastiktaschen, frei nach dem Prinzip „der Verbraucher entscheidet“. Die Idee, Tragetaschen aus Plastik nur noch auf Nachfrage herauszugeben, fand er allerdings gut. Unter seinen Kassen ließ er sie entfernen. Der Versuch dauerte nur sechs Wochen, dann brach Freund ihn ab: „Zu viele Kunden fragten an der Kasse nach. Es gab Irritation.“ Ähnliches erlebte der Kieler Chef einer großen Elektronikmarktkette. Für Plastiktüten werden 20 Cent verlangt – auch bei einem Umsatz von 400 Euro. Seitdem werden in dem Geschäft statt 750 Tüten zwar nur noch 75 Stück am Tag gefordert. Mancher Kunde zeigte aber kein Verständnis, so die Erfahrung. Es wird den Händlern als Geiz ausgelegt.

Aus diesem Grund hat die Stadt auf Wunsch der Kaufleute Motive entwerfen lassen – mit Hilfe von Plakaten oder Aufklebern soll deutlich werden, dass die Verwaltung die Maxime, auf Plastiktüten zu verzichten, unterstützt. Anfang November sollen sie vorgestellt werden – „als Diskussionsgrundlage“, sagt Nicoline Henkel vom Umweltschutzamt.

Dass es in Kiel überall kreative Umweltschutz-Ansätze gibt, zeigt ein Projekt der Touristinformation. Dem Kunden im Shop werden für seine Einkäufe Papiertüten für 1 Euro pro Stück aus alten Werbeplakaten angeboten. Das Besondere: Das Projekt soll nicht nur den Plastiktütenverbrauch in der Touristinformation reduzieren, sondern unterstützt mit dem Erlös auch eine soziale Einrichtung. Die Papiertüten werden in der Werkstatt der Stiftung Drachensee von Menschen mit Behinderungen gefertigt. Das Lebensmittelgeschäft „Unverpackt“ zeigt, wie es ganz ohne Plastiktüten und Verpackungen auskommt. Eine Öko-Bäckerei will Plastik durch Papiertüten mit Sichtfenster aus Zellophan ersetzen. Ein Bio-Supermarkt wiederum führte wiederverwendbare Netze für den Obst- und Gemüseeinkauf vor. Eine Anregung: Die Händler auf den Wochenmärkten sollten nur auf Nachfrage den Einkauf in Plastiktüten packen. Fischhändler wie Björn Keste aus Neumünster oder Matjes Lange aus Kiel ziehen bereits mit, haben auf Papiertüten umgestellt. „Ich finde die Initiative der Stadt gut“, berichtet Jörg Lange.

Positiv fällt auf Nachfrage mehreren Marktleuten auf, dass mehr Kunden ihre eigenen Beutel mitbringen. Kunden wie Elke Neumann, die Möhren und Suppengemüse im Stoffsack verstaut. Der Umwelt zuliebe – „und wenn er dreckig ist, dann wasche ich ihn eben.“

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erstellt am 14.Okt.2015 | 06:16 Uhr

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