Pillen gegen den Arbeitsstress

25 600 Schleswig-Holsteiner nehmen leistungssteigernde Mittel

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19. Mai 2015, 13:46 Uhr

Stress, Leistungsdruck, Überforderung: Immer mehr Erwerbstätige haben das Gefühl, den Anforderungen ihres Berufes nicht gewachsen zu sein. In Schleswig-Holstein putschen sich bis zu 25  600 Menschen regelmäßig mit Medikamenten auf, so das Ergebnis einer Studie für die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK).

6,7 Prozent der Beschäftigten haben danach bundesweit am Arbeitsplatz mindestens schon einmal zu verschreibungspflichtigen Pillen gegriffen – im Norden liegt der Anteil mit 7,0 Prozent noch höher. Die Dunkelziffer liegt mit 12,5 Prozent nochmals deutlich darüber. Hochgerechnet auf die Erwerbstätigen in Schleswig-Holstein hätten demnach bereits 168  000 Menschen leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente genommen. 2008 hatten noch 4,6 Prozent der Arbeitnehmer bei einer Repräsentativumfrage eingeräumt, leistungssteigernde Mittel einzunehmen.

Auch wenn beim „Hirndoping“ etwa mit Betablockern und Antidepressiva von einem Massenphänomen noch keine Rede sein könne, seien die Ergebnisse ein Alarmsignal, sagte DAK-Regionalchef Andreas Lie gestern in Kiel und fügte hinzu: „Die Wunderpille gibt es nicht.“ Nebenwirkungen und Suchtgefahr seien nicht zu unterschätzen.

Männer greifen der Studie zufolge eher zu leistungssteigernden Mitteln, Frauen nehmen häufiger stimmungsaufhellende Medikamente ein. Und längst nicht nur Manager und Führungskräfte dopen sich; vor allem Erwerbstätige mit einfachen Jobs und Beschäftigte mit einem unsicheren Arbeitsplatz gehören zu den Risikogruppen.

Grundlage für den Gesundheitsreport ist eine Studie des Berliner IGES-Instituts über die Fehlzeiten aller 116  200 erwerbstätigen DAK-Mitglieder im nördlichsten Bundesland. Es wurden zudem Arzneimitteldaten der Kasse analysiert und bundesweit mehr als 5000 Beschäftigte im Alter von 20 bis 50 Jahren befragt.

Laut Gesundheitsreport nahmen die Fehlzeiten bei den psychischen Erkrankungen im vergangenen Jahr um 22 Prozent zu. Seelenleiden waren damit erneut die zweithäufigste Ursache für Fehltage. Insgesamt blieb der Krankenstand im Norden gegenüber dem Vorjahr unverändert. Von 1000 erwerbstätigen Arbeitnehmern waren im vergangenen Jahr pro Tag im Schnitt 39 krankgeschrieben.

Für mehr als ein Fünftel der Ausfalltage (22,9 Prozent) waren Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems wie Rückenschmerzen verantwortlich. An zweiter Stelle kamen psychische Erkrankungen mit 19,2 Prozent. Die Fehltage aufgrund von Depressionen nahmen um ein Drittel zu. Seit dem Jahr 2000 sind die Ausfalltage aufgrund von Seelenleiden in Schleswig-Holstein um 131 Prozent gestiegen.

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