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Nach Heimaufenthalten : Pflegefamilie hilft Geronimo ins Leben

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Stadt Kiel sucht Pflegeeltern für Kieler Kinder im ganzen Norden. Bei einem Infoabend berichteten die Krugs mit Geronimo (20) von ihren Erfahrungen.

Sie lachen zusammen – aber sie nehmen auch kein Blatt vor den Mund, wenn es um Probleme geht. Beim Infoabend im Kieler Kulturforum fallen Sätze wie „Ich habe schon drei Stunden mit denen geschnackt und hatte dann keinen Bock mehr“ (Geronimo). Oder: „Das Zusammenleben hat mir auch viele graue Haare gemacht“ (Kerstin Krug). Dennoch überwiegen die positiven Eindrücke: „Man fährt in den Urlaub, besucht Klassenfeste. Wenn man zusammenwächst, dann macht es einfach Spaß“ (Stephan Krug).

Vielleicht ist das ihr Geheimrezept?

Geronimo lebt seit seinem 5. Lebensjahr bei Kerstin (53) und Stephan Krug (55) in Kiel. Er kam neben einem älteren Mädchen, welches damals bei dem Paar lebte, als Sonderpflegekind zu ihnen. Für ihn sind die beiden „Vertrauenspersonen“, aber keine Eltern. Sie nennen sich beim Vornamen. „Papa“ kam Geronimo höchstens mal über die Lippen, wenn der ihn von der Schule abholte. „Dann musste ich nicht allen erklären, dass ich ein Pflegekind war“, erzählt Geronimo. Hänseleien habe es zwar gegeben, die habe er aber immer ignoriert. Er weiß: „Ich wurde immer in bisschen als Sonderling betrachtet.“

Mit seinen 20 Jahren hat Geronimo zwar offiziell nicht mehr den „Pflegekind“-Status, lebt aber immer noch bei den Krugs – sie Lehrerin, er Ingenieur. Das Kieler Paar konnte aufgrund einer früheren Erkrankung des Mannes keine leiblichen Kinder bekommen, entschied sich schließlich auch wegen der sonderpädagogischen Ausbildung von Kerstin Krug zur Aufnahme von Pflegekindern.

Die Krugs sind für die Stadt Kiel wichtig – als einer von vielen Kooperationspartnern in ganz Schleswig-Holstein, die sich um rund 250 Kinder aus schwierigen Verhältnissen kümmern. Entweder als dauerhafte Pflegefamilie – rund 50 Kinder werden pro Jahr vermittelt – oder als Not-Zuhause in Krisensituationen. Mehr als 100 Mal im Jahr kommt das vor. Alkohol, Drogen und Gewalt oder psychische sowie schwere körperliche Erkrankungen bei den leiblichen Eltern machen die Unterstützung des Kinderpflegedienstes der Landeshauptstadt Kiel notwendig.

In Geronimos erster Familie – nur die Mutter war noch da – gab es für den Jungen und seine Geschwister keine Perspektive. „Stress. Gewalt. Drogen. Platzprobleme“ – so bilanziert der junge Mann ganz nüchtern und bemerkenswert offen die damaligen Probleme: „Bevor ich Pflegekind wurde, war ich in sechs Heimen.“

Solch ein Lebensweg hinterlässt Spuren bei einem Kleinkind. Bindungsängste können laut Pflegekinderdienst-Chefin Edda Lilienfein auftreten. Schwierigkeiten im Umgang mit Enttäuschungen, Bedürftigkeit – etwa nach Aufmerksamkeit. „Bei Geronimo war die Sprachentwicklung ein Thema“, berichtet Kerstin Krug und meint damit Entwicklungsrückstände, auch motorischer Art, die oft bei Pflegekindern auffallen.

Bei Geronimo haben die Krugs offenbar einiges richtig gemacht: Zurzeit absolviert er nach seinem Realschulabschluss eine Ausbildung zum sozialpädagogischen Assistenten – „Ich möchte mit Kindern arbeiten, die den gleichen Hintergrund haben wie ich“, sagt der große, selbstbewusste junge Mann. Eine Freundin hat er auch. Sie hat ihn zum Infoabend begleitet.

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erstellt am 19.Feb.2016 | 06:02 Uhr

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