zur Navigation springen

Sensation durch Klimawandel : Périgord-Trüffel gedeihen bei Kiel

vom

Die extrem teuren Schwarzen Winteredeltrüffel der Gattung Tuber melanosporum schaffen es normalerweise kaum bis an den Bodensee. Nun ist die Aufzucht einem Künstler nahe Kiel gelungen.

shz.de von
erstellt am 04.Okt.2013 | 10:04 Uhr

Kiel | Erdig, braun und unscheinbar sehen sie für Laien aus, Experten schätzen sie als kostspielige, seltene Delikatesse. Die Rede ist von Trüffeln. Besonders begehrt sind die sogenannten Schwarzen Winteredeltrüffeln oder Périgord-Trüffeln - Tuber melanosporum Vittadini nennen sie Experten. Ihr Verbreitungsgebiet wird gewöhnlich im Norden etwa vom 47. Breitengrad begrenzt, der südlich des Bodensees verläuft. Hierzulande gibt es daher in der Regel nur die etwas günstigeren Sommer- oder Burgundertrüffeln. Nun aber ist klar, auch die besonders edlen Périgord-Trüffeln lassen sich in Deutschland kultivieren. Gelungen ist das ausgerechnet im hohen Norden, nahe der Ostseeküste.

Périgord-Trüffeln gibt es im Winter etwa von Dezember bis März.

Für ein Kilo gehen durchaus bis zu 1500 Euro über den Tisch. Dass nun die Kultivierung dieses Traums vieler Feinschmecker auf einem Grundstück östlich von Kiel gelungen ist, verschlägt so manchem Experten die Sprache. Gelungen ist das dem Künstler und Grafiker Ingo Fritsch. Aufgetan hat ihn der Hamburger Pilzexperte Christian Volbracht. Am Donnerstag berichtete er darüber bei einem internationalen Trüffel-Symposium in Sinzig in Rheinland-Pfalz.

Experten gehen davon aus, dass sich die Grenze des Vorkommens von Trüffeln grundsätzlich wegen des Klimawandels langsam verschiebt. Sie rücke nach Norden, sagt etwa Jean-Marie Dumaine. Er ist Präsident des Vereins Ahrtrüffel, der das Symposium veranstaltet. Zu einem ähnlichen Schluss kam auch eine Studie unter der Leitung von Wissenschaftlern der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) aus der Schweiz von Ende 2012, die in der Zeitschrift „Nature Climate Change“ veröffentlicht wurde.

Derzufolge ist davon auszugehen, dass Trüffeln aufgrund einer zunehmenden Trockenheit in den wichtigsten Anbaugebieten in Nordspanien, Frankreich sowie den italienischen Regionen Piemont und Umbrien zurückgehen. Nördlich der Alpen indes sind der Studie zufolge günstigere ökologische Verhältnisse zu erwarten.

Das Wandern gen Norden sei auch schon bei anderen Pilzarten beobachtet worden, erklärt Experte Volbracht, der auch ein Trüffel-Buch verfasst hat. Aber dass nun der erste wissenschaftliche Nachweis einer Kultivierung von Périgord-Trüffeln in Deutschland nördlich des 54. Breitengrades erbracht wurde, gilt als Überraschung. „Das ist 700 Kilometer nördlich der natürlichen Verbreitungsgrenze, das ist ziemlich sensationell“, sagt Volbracht.

Er hat die Trüffeln aus der Nähe von Kiel untersucht und probiert und nach der Überprüfung durch einen anderen Experten darüber in der neuesten Ausgabe der „Zeitschrift für Mykologie“ berichtet.

Mit der Kultivierung von Trüffeln ist es so eine Sache, klassische Kulturpflanzen sind sie beileibe nicht, wie Dumaine betont. „Sie bleiben - auch wenn man sie kultiviert - wilde Pilze“, sagt der Franzose. Das sei anders als etwa bei Champignons. Dumaine, der in Sinzig ein Restaurant betreibt, hatte dort vor mehreren Jahren Sommertrüffeln aufgespürt und versucht nun, sie zu kultivieren.

„Es ist ein völlig rätselhafter und eigenwilliger Organismus“, sagt auch Volbracht. Wie andere sogenannte Mykorrhizapilze - etwa der Steinpilz - gingen auch Trüffeln eine Symbiose mit Bäumen ein. Der Pilz ist dabei mit dem Wurzelsystem in Kontakt, hierüber geschieht ein Stoffaustausch. Doch selbst wenn die Symbiose in der Erde entstehe, heiße das noch lange nicht, dass auch Fruchtkörper gebildet würden. „Wie das geschieht, ist nach wie vor unklar.“ 

Um Trüffeln, die in Deutschland in freier Natur seit 1986 unter Naturschutz stehen, dennoch zu kultivieren, werden Baumsetzlinge mit Trüffelsporen beimpft, mykorrhizieren heißt das. Der findige Trüffelkenner Ingo Fritsch aus der Nähe von Kiel hat dafür übrigens eine ganz eigene Methode angewandt. Er gab Mäusen Trüffelreste zu fressen, um deren Kot mit den Sporen dann aufzufangen, ihn mit Erde zu mischen und darin Baumsetzlinge großzuziehen. Bei ihm gedeihen die Pilze nun unter Hainbuchen, es fanden sich Fruchtkörper von 1,3 bis fünf Zentimetern Größe, wie Volbracht in seinem Fachartikel schreibt.

Und bei der Suche nach den Kostbarkeiten im Erdboden helfen Fritsch nicht etwa Trüffelschweine oder -hunde, sondern Katzen. Es handelt sich um einen Wurf, den er einst mit Trüffelmilch aufzog. Die Tiere haben dadurch ein besonderes Näschen ausgebildet.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen