U-Boot-Pionier : Nie wieder aufgetaucht

Kantige Züge, scharfer Blick: So porträtierte der Bildhauer Manfred Sihle-Wissel den U-Boot-Pionier.
Kantige Züge, scharfer Blick: So porträtierte der Bildhauer Manfred Sihle-Wissel den U-Boot-Pionier.

Der „Brandtaucher“ war das erste U-Boot in der Kieler Förde. Zu Ehren des Erfinders Wilhelm Bauer stand vor dem Schifffahrtmuseum ein Denkmal. Doch vor Jahren wanderte die Büste ins Depot – seitdem ist sie nicht wieder aufgetaucht.

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28. November 2018, 18:44 Uhr



„Wo ist Wilhelm Bauer?“, fragt der Historiker Peter Wulf in der gerade erschienenen Broschüre der Gesellschaft für schleswig-holsteinische Geschichte. Was einen Kriminalfall vermuten lässt, ist jedoch eher eine Groteske, in der die für den Kieler Museumsbetrieb Verantwortlichen keine rühmliche Rolle spielen. Immerhin ist mittlerweile geklärt, wo sich der vermisste Wilhelm Bauer aufhält: in einem Depot des Kieler Schifffahrtsmuseums.

Statt in der Verbannung sollte der prominente Erfinder an seinem angestammten Platz am Förde-Ufer stehen. In Sichtweite von der Stelle, an der am 1. Februar 1851 das von Bauer konstruierte erste deutsche U-Boot versank. Trotz dieses Missgeschicks, bei dem niemand zu Schaden kam, gilt die Tauchfahrt des „Brandtauchers“ als Geburtsstunde des Kieler U-Boot-Baus.

Um an das historische Ereignis zu erinnern, gab der damalige Vorsitzende der Gesellschaft für Stadtgeschichte und Direktor der Kieler Museen, Dr. Jürgen Jensen, 2004 beim renommierten Maler und Bildhauer Manfred Sihle-Wissel eine Büste Wilhelm Bauers in Auftrag. Preis: 15 000 Euro plus 3000 Euro für eine Plakette. Der Künstler, dem selbst ein Helmut Schmidt geduldig Modell gesessen hat, wurde für seine Arbeit von einem alten, tonnenschweren Amboss einer örtlichen Werft inspiriert. Damit hatte die Stadt ihr erstes, viel gelobtes Denkmal, das an die Schifffahrtstradition erinnert.

Doch als vor etwa vier Jahren das neben Wilhelm Bauers Büste stehende Schifffahrtsmuseum renoviert wurde, begann, was bis heute niemand versteht: Dr. Doris Tillmann, oberste Museumswärterin der Stadt, ließ Kopf und Sockel nicht nur ab-, sondern nach Abschluss der Renovierung auch nicht wieder aufbauen. Wie es heißt, soll ihr, der Spezialistin für mittelalterliche Keramik, das Kunstwerk schon lange ein Dorn im Auge gewesen sein.

Bildhauer Sihle-Wissel erfuhr von der Beseitigung seiner Arbeit eher zufällig und ist „not amused“, der Spender Jensen ist sogar empört, will aber öffentlich seine Amtsnachfolgerin nicht kritisieren.

Kritik an Wilhelm Bauers Verschwinden kam auch von anderer Seite, aber nur einer handelte, nämlich Prof. Dr. Jürgen Miethke, langjähriger Präsident des schleswig-holsteinischen Sparkassenverbandes und eng verbunden mit der kulturellen Szene des Landes. Er beklagte sich beim Kieler Oberbürgermeister Ulf Kämpfer über den Rückbau der Skulptur und bat um eine Begründung. Kämpfer beauftragte den für Kultur zuständigen Dezernenten Wolfgang Röttgers mit der Klärung der Angelegenheit. Der übergab den Auftrag an einen Mitarbeiter, der die Museumsdirektorin befragte.

Monate vergingen, ein halbes Dutzend Briefe und E-Mails wurden ausgetaucht, und Miethke erhielt die Auskunft: Die Büste sei nicht wieder aufgestellt worden, weil sie für eine wichtige Ausstellung zum Wehrtechnischen Ausbildungszentrum in Eckernförde gebracht worden sei. Miethkes Recherchen ergaben jedoch, dass diese Angabe nicht stimmte, was ihn zusätzlich empört.

In Übereinstimmung mit Sihle-Wissel ist er daher entschlossen, seinen Kampf um die Befreiung von Wilhelm Bauer aus dem Depot fortzusetzen. An seiner Seite hat er dabei den neuen Vorsitzenden der Kieler Geschichtsgesellschaft, den ehemaligen Staatssekretär für Wissenschaft, Rolf Fischer. Sobald wie möglich wollen die beiden persönlich beim Kieler OB vorstellig werden, um den Fall zur Chefsache zu machen. Mit dem vom Historiker Wulf in seiner „Anklageschrift“ geäußerten Argument, die „klammheimliche Entfernung der Sihle-Wissel-Büste sei nicht nur ein Affront gegen  den Künstler, sondern auch die Beseitigung des Gedenkens an einen bedeutenden Vorgang der Kieler Geschichte“.

Schon jetzt hat sich Prof. Miethke übrigens bereiterklärt, die Kosten für die Rückkehr von Wilhelm Bauer ans Förde-Ufer aus eigener Tasche zu bezahlen.

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