CAU Kiel : Neuer Uni-Präsident: Bis zu 15 Millionen Euro fehlen jährlich

Ner neue Uni-Präsident in seinem Element – mit einem Photoelektronenspektrometer. Professor Dr. Lutz Kipp ist Physiker an der CAU. Foto: Michael Staudt
Ner neue Uni-Präsident in seinem Element – mit einem Photoelektronenspektrometer. Professor Dr. Lutz Kipp ist Physiker an der CAU. Foto: Michael Staudt

Zu seiner Amtseinführung schlägt der neue Kieler Unipräsident Lutz Kipp Alarm: Pro Jahr fehlen mehrere Millionen Euro, so dass die Uni Planstellen nicht besetzen kann. Beim Uni-Streit mit Flensburg setzt Kipp auf Kompromisse.

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04. Juni 2014, 16:17 Uhr

Kiel | Der neue Präsident der Kieler Universität, Prof. Lutz Kipp, hat die Finanzausstattung der größten Hochschule des Landes als völlig unzureichend kritisiert. „Pro Jahr fehlen etwa zehn bis 15 Millionen Euro Grundfinanzierung“, sagte Kipp, der am Mittwoch bei einem Festakt ins Amt eingeführt wird. „Wir sind seit Jahren nicht ausfinanziert, schieben einen zweistelligen Millionenbetrag vor uns her.“ Der Physiker wurde Anfang Juni für sechs Jahre zum Uni-Präsidenten gewählt.

„Wir fahren mit totaler Überlast, das geht an die Grenze des Belastbaren“, sagte Kipp. Die Uni versuche dies dadurch aufzufangen, dass sie nicht alle Planstellen besetzt. Aber dies sei für eine funktionierende Hochschule nicht ratsam. Das Kooperationsverbot, das dem Bund die Finanzierung von Schul- und Hochschulaufgaben untersagt, müsse endlich fallen. „Das ist unabdingbar, denn Länder wie Schleswig-Holstein können das allein nicht leisten.“ 

Beim Uni-Streit zwischen Kiel und Flensburg wählt Klipp versöhnlichere Töne als sein Vorgänger. Im Disput um die Lehrerausbildung wurde nach Meinung Kipps sehr viel Porzellan zerschlagen. „Es wurden die Fächer hin- und hergeschachert - das ist nicht die Lösung des Problems.“ Der Ansatz, ob Kiel oder Flensburg ein Fach bekommt, sei falsch gewesen. Entscheidend sei, wo welches Fach am besten unterrichtet werden kann. Diese inhaltliche Auseinandersetzung müsse endlich kommen. „Die Politik ist am Zug. Im Gesetzgebungsverfahren muss jetzt auch mal auf inhaltliche Argumente geschaut werden.“  Auf keinen Fall sollten Doppelstrukturen im Lande entstehen, sagte Kipp. Es gelte, die Stärken beider Unis zu klären und ihre Angebote zu verzahnen. „So lassen sich sehr gute Modelle entwickeln, wie die beiden Hochschulen die besten Lehrer im Land ausbilden können.“ 

Sein Vorgänger Gerhard Fouquet hatte sich wegen der Neuausrichtung der Lehrerausbildung mit dem Vorstand der Uni Flensburg zerworfen. Er hatte ein „Ausbluten“ der Kieler Uni befürchtet, wenn die Flensburger Hochschule ihre Fächer in der Sekundarlehrerausbildung ausbaut. Der Streit wurde mit einem Kompromiss beigelegt.

Eine große Chance sieht Kipp in der Bereitschaft des Bundes, komplett das Schüler- und Studenten-Bafög zu übernehmen. „Die dadurch frei werdenden Landesmittel sollten nicht nur in Schulen, sondern auch in die Grundfinanzierung der Hochschulen fließen.“ In diesem Jahr sind 36 Millionen Euro Landesmittel für Bafög vorgesehen, die von 2015 an frei werden. Mit der Übernahme des Länderanteils entlastet der Bund die Länder künftig jährlich um 1,17 Milliarden Euro.

Für seine Amtszeit nannte Kipp weitere dringliche Baustellen. So reiche das Niveau der Abiturienten oft nicht für die Universität. Viele Schüler hätten Defizite in Mathematik und Deutsch: „Da müssen wir eine Brücke bauen zwischen Schule und Universität.“ Um Schülern den Einstieg in die Universität zu erleichtern, müsse man etwa ihr Interesse für die Wissenschaft wecken und mehr Angebote schaffen.

Beim Festakt in Kiel hat Ministerpräsident Torsten Albig hat dem neuen Kieler Universitätspräsidenten die volle Unterstützung der Landesregierung zugesichert. Wichtig sei für die Landesregierung, dass die Hochschulen Planungssicherheit hätten. Kiel als einzige Voll-Universität im Norden sei stark in Lehre und Forschung.

Albig dankte dem bisherigen Präsidenten Gerhard Fouquet, der daran einen herausragenden Anteil gehabt habe: „Wir sind stolz auf diese exzellente Universität. Wir wollen und müssen unseren Hochschulen langfristige Planung ermöglichen, gerade im Hinblick auf den demografischen Wandel.“ Auch daher habe sich die Landesregierung beim Bund für eine schnelle Verlängerung der Exzellenz-Initiative, des allgemeinen Hochschulpakts und des Pakts für Forschung und Innovation eingesetzt. Der Ministerpräsident appellierte an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, noch enger mit den Hochschulen im Land zusammenzuarbeiten. „Die Hochschulen müssen unserer Gesellschaft dabei helfen, Antworten auf die schwierigen Herausforderungen unserer Zeit zu finden“, sagte Albig.

Der Ministerpräsident kündigte an, dass die frei werdenden 36 Bafög-Millionen des Landes „insbesondere in die allgemeinbildenden Schulen fließen werden“. Bei der Vereidigung sagte Albig, das Geld dürfe nicht in tausend verschiedenen Bereichen versickern, sondern es solle in einem Bereich positiv wirken. Bildung sei im übrigen unteilbar.

Dagegen meinte Kipp (51): „Ich würde mich freuen, wenn man das Geld nicht nur in die Schulen steckt.“ Er regte an, mit dem Geld einen „Pakt für Lehre und Forschung“ zu schließen. Der Physiker hatte zuvor in einem dpa-Gespräch die Finanzausstattung der größten Hochschule des Landes als völlig unzureichend kritisiert.

„Pro Jahr fehlen etwa 10 bis 15 Millionen Euro Grundfinanzierung“, sagte Kipp. „Wir sind seit Jahren nicht ausfinanziert, schieben einen zweistelligen Millionenbetrag vor uns her.“ Bei dem Festakt räumte Kipp ein, das Land allein könne die Hochschulfinanzierung nicht leisten. Künftig sollten Bund und Länder sich diese Aufgabe teilen - wie dies bereits bei den außeruniversitären Leibniz- Forschungsinstituten der Fall sei.Der Bund will von 2015 an, komplett das Schüler- und Studierenden-Bafög übernehmen. In diesem Jahr sind 36 Millionen Euro Landesmittel für Bafög vorgesehen, die dann frei werden. Mit der Übernahme des Länderanteils entlastet der Bund die Länder künftig jährlich um 1,17 Milliarden Euro.

In höchsten Tönen lobte Albig die Bedeutung der Hochschulen für die Wirtschaft und als Wertekompass für die Gesellschaft, zeigte aber keinerlei Bereitschaft, mehr Geld des Landes bereitzustellen. Dafür setzt Albig auf eine wachsende Finanzierung des Bundes. Der Ministerpräsident verwies auf die kürzliche Einigung, dass der Bund drei Forschungspakte weiter finanziert. Außerdem werde das bisherige Kooperationsverbot, das dem Bund die Hochschulfinanzierung weitgehend verbietet, künftig anders aussehen.

Auch Kipp sieht hier „einen Silberstreif am Horizont“. Der Uni-Chef verwies außerdem auf die finanziell positiven Auswirkungen der Hochschulmittel auf die regionale Wirtschaft. Kipp sprach von 360 Prozent, die am Ende indirekt mobilisiert würden. „ So viel Zinsen bekommen Sie auf keiner Bank, Herr Albig!“, sagte Kipp.Albig ging auch auf den Streit um die Aufteilung der künftigen Lehrerausbildung zwischen den Universitäten Kiel und Flensburg ein.

Hochschulen seien Leuchtfeuer des Landes, und die Küsten seien zu lang für ein einziges Leuchtfeuer. Alle Hochschulen und Fachhochschulen sollten jeweils ihre Stärken einbringen und kooperieren. Ähnlich äußerte sich auch Kipp, der die fachwissenschaftlich Lehrererausbildung zu einem Schwerpunkt machen will.Albig deutete Verärgerung über die Uni Kiel an, die durch den geplanten und inzwischen teils wieder verworfenen Ausbau der Fächer für die Sekundarlehrerausbildung in Flensburg Sorge um die eigenen Perspektiven geäußerte hatte - und eine Verschiebung von Mitteln zu ihren Lasten befürchtete. Die Stärkung einer Universität bedeute nicht die Schwächung einer anderen Hochschule, sagte Albig.

Bildungsministerin Waltraud Wende (parteilos) ging in ihrem Grußwort weder auf die Hochschulfinanzierung noch auf die Lehrerausbildung ein. Sie zeigte sich überzeugt, dass Kipp den richtigen Kurs finden werden. Auch zur unzureichenden Unterrichtsversorgung an den Schulen sagte sie kein Wort. Im nächsten Schuljahr werden sechs Prozent Unterricht nicht gegeben werden können, weil wegen der Haushaltsbremse 365 Lehrer-Planstellen gestrichen werden.Kipp wurde für sechs Jahre zum Uni-Präsidenten gewählt. Er folgt auf Gerhard Fouquet, dessen Verdienste Albig hervorhob. Kiel als einzige Voll-Universität im Norden sei stark in Lehre und Forschung. Fouquet habe daran „herausragenden Anteil“.

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