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Transit-Flüchtlinge : Nachts im Kaufhaus, am Tag in der Kirche

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Entscheidung in der Not: Stadt ließ leer stehendes „C&A“-Haus für Transit-Flüchtlinge öffnen. Die Nikolaikirche bot ihnen tagsüber Unterschlupf.

Eine Stadt beschlagnahmt ein leer stehendes Kaufhaus: Der Druck war am vergangenen Wochenende so groß geworden, dass Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) entschied: Das frühere „C&A“-Gebäude in der Innenstadt wird zur Notunterkunft für 300 Transit-Flüchtlinge, die nach Schweden wollen. Vorerst bis heute. Doch mit den Eigentümern der Immobilie, die kurzfristig nicht erreichbar gewesen waren, „wollen wir einen Mietvertrag schließen“, sagte Kämpfer. Den geplanten Abriss ab etwa Mitte 2016 sieht er nicht in Gefahr – „darauf würden wir Rücksicht nehmen“. Investoren wollen an der Stelle des früheren Kaufhauses unter anderem ein Hotel bauen (wir berichteten).

Jede Nacht schlafen nach Angaben der Stadt bis zu 350 Menschen, vorwiegend aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak, in der ebenfalls leer stehenden benachbarten „Markthalle“ – in der Hoffnung, am nächsten Tag eines der wenigen Tickets für die Fähre nach Schweden zu ergattern. In der Nacht auf Sonnabend waren nach Angaben von Sozialdezernent Gerwin Stöcken mit dem letzten Zug aus Passau jedoch rund 600 Flüchtlinge am Kieler Bahnhof angekommen, darunter viele Familien mit Kindern und medizinische Notfälle – etwa drei Menschen mit Herzinfarkten. Sie mussten behandelt werden und kurzfristig eine Bleibe finden. Allein 90 von ihnen wurden ins Jugenddorf Falckenstein gebracht, andere kamen privat unter. In der Nacht zu gestern suchten laut Stöcken 380 Flüchtlinge in Kiel Schutz.

Die „Markthalle“ reichte also längst nicht mehr aus; der Ostseekai als „Überlauf“-Quartier stand wegen eines Kreuzfahrer-Anlaufs nicht zur Verfügung. Als „Sicherstellung zur Abwendung von Gefahr“ sieht die Stadt daher die Notmaßnahme, das Gebäude von der Feuerwehr öffnen zu lassen, damit Flüchtlinge nicht draußen im Regen übernachten mussten. Rund 50 Feuerwehr-Kräfte und Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks richteten mit Matratzen und Stellwänden in der ersten Etage Schlafplätze ein, organisierten die Versorgung mit Essen und Getränken.

Gestern morgen dann die nächste Herausforderung: Vor der Kirche St. Nikolai in der Altstadt warteten etwa 200 Flüchtlinge früher als geplant auf Einlass – die Nachtlager öffnen erst abends wieder. Am Sonnabend war eine Moschee für die Betreuung eingesprungen, am Freitag und gestern stand die Nikolaikirche offen. So kam es, dass Pastor Matthias Wünsche für den Gottesdienst kurzerhand improvisierte und mit der Unterstützung der Apostelgemeinde eine Art gemeinsamen Gottesdienst feierte.

Wie geht es nun weiter? Nach Auskunft von Sozialstadtrat Stöcken steht der Ostseekai wegen langfristig gebuchter Veranstaltungen in den kommenden Wochen nicht zur Verfügung. Fährtickets werden möglicherweise weiterhin am Kai in den Gepäckzelten vergeben. Gestern Abend noch sollte zudem entschieden werden, ob die Sporthalle der Muhliusschule während der Ferien genutzt werden kann.



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erstellt am 19.Okt.2015 | 06:07 Uhr

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