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Pöbelei im Gerichtssal : Nachbar-Streit endet filmreif vor Gericht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Zoff in einer Kieler Seniorenwohnanlage war im Sommer eskaliert, ein Rentner musste danach mit Knochenbrüchen ins Krankenhaus. Im Amtsgericht fielen sich die zwei Parteien gestern immer wieder gegenseitig ins Wort.

150 Euro Geldstrafe für Drohungen gegen den Nachbarn – aber ein Freispruch im Hinblick auf die Körperverletzung: Das Urteil gegen den 46-jährigen Angeklagten hatte der Richter gestern schnell verlesen und begründet. Motto: im Zweifel für den Angeklagten. Es war das unspektakuläre Ende eines eskalierten Streits unter Nachbarn, der das mutmaßliche Opfer (72) ins Krankenhaus brachte. Und das Ende einer höchst turbulenten, filmreifen Beweisaufnahme.

Saal Nr. 7 im Kieler Amtsgericht. 90 Minuten lang hatten die Vertreter beider Parteien einander immer wieder unterbrochen, sich gegenseitig als Lügner beschimpft und angeschrien, waren auch Richter und Staatsanwalt ins Wort gefallen. Irgendwann platzte Staatsanwalt Thorsten Gaartz der Kragen: „Jetzt darf ich mal meine Fragen zu Ende stellen, verdammte Axt noch mal! Wie sind hier nicht im Kasperletheater. Und auch nicht bei RTL!“ Er habe sich gefragt, ob er bei der „Versteckten Kamera“ sei, sagte Gaartz später.

Darum ging es: Laut Anklage klopfte der 72-Jährige am 16. Juli dieses Jahres abends an die Wohnungstür der Mutter des Angeklagten. Sie leben auf derselben Etage im Gustav-Schatz-Hof in Kiel-Gaarden, einer Seniorenwohnanlage. Das mutmaßliche Opfer wollte den 46-Jährigen zur Rede stellen, da dessen Fahrrad im Hausflur ein Passieren mit einem Rollator oder Rollstuhl erschwere. Der Angeklagte schrie den Rentner mit den Worten „Halt die Schnauze!“ an, schubste ihn überraschend mit beiden Händen. Dadurch prallte der Rentner rückwärts gegen das Treppengeländer, fiel zu Boden und „blieb mit starken Schmerzen in der Hüfte und an den Rippen liegen“. Der Angeklagte bedrohte den Mann noch, rief „Ich schlag dich tot, ich bring dich um.“ Im Krankenhaus wurden bei dem 72-Jährigen ein Rippenbruch und eine Schenkelhalsfraktur diagnostiziert. Er bekam eine künstliche Hüfte, braucht Gehhilfen.

So weit die Anklage. Doch es stand Aussage gegen Aussage. Der Angeklagte brachte lautstark und vehement seine eigene Version vor. Der gebürtige Neumünsteraner stellte fest: „Das stimmt alles nicht.“ Die Aggression sei von dem Rentner ausgegangen. Der 72–jährige alkoholisierte Nachbar, der mit seiner Frau von einem Kneipenbesuch gekommen war, habe gegen die Tür geschlagen und getreten. „Meine Mutter und ich waren am Kniffeln“, so der Angeklagte. Als er die Tür öffnete, habe der Nachbar ihn wegen des Rads angemacht. „Er hat mich am Hals gepackt. Ich hab’ nur versucht, ihn wegzuschubsen.“ Der Angeklagte gab zu, den Rentner mit der Faust in der Bauchgegend getroffen zu haben. Auf Nachfragen des Staatsanwalts bellte er schon mal zurück: „Hören Sie nicht zu?“ Dass das mutmaßliche Opfer zu Boden stürzte – „Selbst Schuld.“ Die benachbarte Zeugin? Eine „Kuh“. Die Drohungen hingegen, die wollte der Angeklagte, der von Hartz IV lebt, nicht ausgestoßen haben.

Die Version des 72-Jährigen und seiner Frau klang ganz anders – und überzeugte am Ende weder Staatsanwaltschaft noch Richter. Das Paar wollte in der Stammkneipe ein paar Bierchen getrunken haben und entschied sich bei der Rückkehr, die Beschwerden eines Nachbarn im Rollstuhl ernst zu nehmen. Den habe das Rad des Angeklagten häufig gestört. Die Frau ging zur eigenen Wohnung, der Rentner klopfte bei den Nachbarn. Der Mann sei „rausgerannt wie ein wilder Stier“, habe ihn gestoßen. Er sei so unglücklich gefallen, dass er „auf allen Vieren“ zurück in die eigene Wohnung gekrochen sei, sagte der Mann. Einen Streit stritt er ab.

Andere Nachbarn widerlegten dies. Sie sprachen von einem Wortgefecht. Eingeschritten sind sie nicht. Ein 67-Jähriger: „Ich habe laustarke Geräusche vom Treppenflur gehört.“ Durchs Fenster habe er den Angeklagten gesehen, wie er in Richtung des Opfers die Drohung „Ich schlag dich tot“ losgelassen habe: „Dann hab’ ich gedacht, naja, wenn er handgreiflich wird, kriegt er vielleicht Hausverbot.“ Das sei in seinem Interesse gewesen. Anstatt einzugreifen, ging er zurück an den Computer: „Das ist ja unser Alltag hier. Und ich war in einem Skat-Turnier.“

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erstellt am 25.Nov.2014 | 21:06 Uhr

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