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Flüchtlingseinsatz im Mittelmeer : Nach 25.000 Seemeilen: Marineschiff „Werra“ ist zurück in Kiel

vom

Kurz nach Beginn ihres Einsatzes nimmt das Marineschiff „Werra“ 627 Flüchtlinge an nur einem Tag an Bord. Die Soldaten gehen während des viermonatigen Flüchtlingseinsatzes im Mittelmeer an ihre Grenzen.

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erstellt am 24.Okt.2015 | 17:23 Uhr

Kiel | Fregattenkapitän Tobias Voß begrüßte den Kommandanten, Korvettenkapitän Stefan Klatt, und die 100-köpfige Besatzung mit warmen Worten: „Jeder an Bord ist ein Held.“ Der erste, der gleich nach Klatt über die Gangway  die Tirpitzmole  betreten durfte, war Obermaat  Daniel Friedrich. Der Grund: Er war während der langen Abwesenheit  Vater geworden. Töchterchen Lena  wurde am 29. Juli geboren, da war die Besatzung der Werra bereits  seit acht Wochen  auf See. Der erste Kommentar des jungen Vaters, als er  den Spross zum ersten Mal in die Arme nehmen durfte: „Ein schönes Mädchen.“

Zum ersten Mal konnte Daniel Friedrich seine drei Monate alte Tochter Lena   auf den Arm nehmen.  Ehefrau Karina und Mutter Birgit  freuen sich über seine Rückkehr.

Zum ersten Mal konnte Daniel Friedrich seine drei Monate alte Tochter Lena   auf den Arm nehmen.  Ehefrau Karina und Mutter Birgit  freuen sich über seine Rückkehr.

Foto: Carstens
 
Neben Sanitäts- und Hygienematerial hatten die 66 Soldaten der Stammbesatzung auch Planen zum Schutz der Flüchtlinge vor Sonne oder Regen, aber auch Windeln und Babynahrung an Bord. Unterstützt wurden die Soldaten von Sanitätern, medizinischem Personal und einem Militärpfarrer.

Am 3. Juni  hatte die „Werra“ die Leinen losgemacht, am 24. Oktober legte sie wieder an. Dazwischen liegen genau 143 Tage. Jenny Wenglewski  aus Bordesholm, Doreen von Mach aus Wasbek, Monia Petzold aus Eckernförde und Christine Volk aus Flintbek – allesamt Ehefrauen von Bordangehörigen – hatten ein Transparent  zur Begrüßung vorbeitet. Sie alle waren froh, dass sie ihre Liebsten  heil und unversehrt in die Arme schließen konnten. Und erst recht die Kinder: Mia (5) und Ben (3) wollen ihren Papa, den Smut Maik Wenglewski, in den kommenden Tagen zum gemeinsamen Spielen verpflichten.

Angelina (8) und Leonie (5) geht es ähnlich: Papa Thomas Volk, 2. Decksmeister an Bord der „Werra“, hat ihnen ein gemeinsames Weihnachten versprochen – keine Selbstverständlichkeit für die  Matrosen.  Die vierjährige Jette war gleich  mit Mutter, Onkel und Opa gekommen, um Papa  Torben Voigt  zu empfangen. Zu Hause in Neumünster  warten die Holzbausteine im Kinderzimmer förmlich auf väterliche Aufbauhilfe. Einzig Monia Petzold wird sich noch ein wenig gedulden müssen. Ihr Enrico hat, weil noch kinderlos, für junge Väter unter den Kameraden die Bordwache im Tirpitzhafen übernommen.

Kommandant Klatt erzählte nach der Ankunft in Kiel von den Erlebnissen im Mittelmeer. Gleich der erste Rettungseinsatz war eine große Herausforderung: Von einem überfüllten maroden Holzboot wurden nicht weniger als 627 Menschen an Bord genommen. „Alles voll, pickepackevoll“, erinnert sich Klatt.

Sie hätten auf das „Rezept der Freundlichkeit“ gesetzt. „Wir haben sie immer Gäste genannt.“ Seine Besatzung versorgte die Flüchtlinge mit Getränken und Nahrung, richtete provisorische Unterkünfte für sie an Deck her. „Die lagen hier eng an eng.“ Dennoch seien die Hilfesuchenden regelmäßig dankbar gewesen. Alle Flüchtlinge wurden betreut, verpflegt und  einen Tag später den italienischen Behörden  in Reggio di Calabria übergeben. Ohne die Hilfsaktion hätte den Schiffbrüchigen ein ungewisses Schicksal bevorgestanden.

Der Einsatz verlangte den 66 Soldaten der Stammbesatzung und den rund 30 Rettungskräften auf dem 100 Meter langen Versorgungsschiff mental und körperlich viel ab. „An dem Tag haben wir allein sechs Stunden in der Sonnen gestanden im Vollschutz“, sagt Korvettenkapitän Klatt.

Schließlich habe zunächst niemand gewusst, ob jemand krank an Bord kommt. Mit Improvisation und Geschick hätten seine Soldaten den Menschen geholfen. Viele von ihnen seien verletzt gewesen. „Die kommen mit alten Knochenbrüchen, mit ausgerenkten Schulter, die seit Monaten nicht behandelt wurden und mit Krätze“, sagt der 46-Jährige.

Um die Erlebnisse zu verarbeiten, habe man an Bord viel miteinander gesprochen, es waren ja auch Psychologen und Pfarrer auf der „Werra“. Viele erschöpfte und kranke Menschen waren unter den Flüchtlingen, auch alte und gebrechliche Personen. Gerettet hat die „Werra“ auch eine junge Frau, die im achten Monat schwanger war. Zwischenfälle hat es keine  gegeben. „Wir haben eine tolle Besatzung“, zollt der Kapitän seiner Besatzung großen Respekt.

Dusty Beutler und Alex Schulgin hatten die Idee, die einzelnen Rettungsaktionen mit Ringen an der Bordwand zu verewigen. Jeder kann jetzt nachlesen, dass die „Werra“ am 23. Juni, 15. Juli, 15. und 19. August sowie  am 26. September im Rahmen des Einsatzes „EunaVFor Med“ insgesamt  1186 Menschen als Schiffbrüchige aufgenommen und in den sicheren Hafen gebracht haben. „Es tut richtig gut“, bewertet Klatt diesen humanitären  Einsatz, der gegenwärtig von der „Berlin“ fortgesetzt wird.   

 

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Foto: U. Carstens

Auch der  Kommandant  konnte bei der Rückkehr nach Kiel ein neues Familienmitglied begrüßen. Mit Emma, geboren am 5. Juni, stellte sich ihm auf der Tirpitzmole die erste Enkeltochter vor. 

Vier Monate lang war die „Werra“ neben der Fregatte „Schleswig Holstein“ das zweite deutsche Schiff, das sich an der EU-Mission EUNAVFOR MED im Mittelmeer beteiligt. Die Mission wurde von der Europäischen Union beschlossen, nachdem Hunderte Flüchtlinge bei dem Versuch umkamen, von Nordafrika nach Italien zu gelangen. Bereits seit Mai beteiligen sich deutsche Schiffe dort an der Seenotrettung. Seitdem haben sie laut Marine knapp 9000 Migranten gerettet. Vorrangiges Ziel der Mission bleibt es aber, die Schleuser im Mittelmeer ausfindig zu machen und zu bekämpfen.

An Bord der „Werra“ war auch Kristian Lüders. „Unglaublich beeindruckend ist die Dankbarkeit, die Menschen ausdrücken, wenn sie aus Lebensgefahr gerettet sind“, sagt der Militärpfarrer. Ihre Not spiegele sich in einer Form wider, „die ich hier in unserem satten, reichen Land nur ganz selten erlebt habe“. Am beeindruckendsten habe er jedoch die Blicke der Flüchtlinge empfunden, wenn sie erstmals den sicheren Hafen in Italien sahen.

Größere Zwischenfälle hat es bei den Einsätzen des Tenders „Werra“ nicht gegeben. „Wir haben zum Glück keine Toten gesehen“, sagt Lüders. Auch ihm sind die Gefühle nach Ende der Rettungseinsätze besonders in Erinnerung. „Unmittelbar danach war eine richtig euphorische Stimmung, etwas ganz Großes geleistet zu haben.“

Auf dem Rückweg nach Kiel habe er der Besatzung jedoch ihre Erschöpfung deutlich angemerkt. „Die haben sehr viel mitgemacht.“ Rund 25.000 Seemeilen legte die „Werra“ in den vergangenen Monaten zurück. Das entspricht mehr als einer Erdumrundung. Für Decksmeister Sebastian von Mach überwiegt das Positive. „Man ist natürlich stolz gewesen, dass wir es so gut gelöst haben und alle Flüchtlinge sicher angekommen sind“, sagt der 38-Jährige.

Als der Einsatzgruppenversorger „Berlin“ das Schiff abgelöst habe, sei von der Besatzung dennoch eine Last abgefallen.„Der ganze Druck war weg. Dann merkt man erst, was man die letzten Monate alles geleistet hat und der Körper am Ende ist“, sagt Mach. Für ihn und die anderen Soldaten steht nun erstmal Urlaub an.

 

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