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Prozess am Kieler Landgericht : Mutmaßliches Missbrauchsopfer sagt nach 20 Jahren aus

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Er ist der Freund seines Vaters - und soll dessen Sohn mehrfach vergewaltigt haben. Vor Gericht schweigt der Mann. Dafür sagt das mutmaßliche Opfer nach rund 20 Jahren aus.

shz.de von
erstellt am 06.Feb.2015 | 15:37 Uhr

Kiel | Rund zwei Jahrzehnte, nachdem der Freund seines Vaters sich mehrfach an ihm vergangen haben soll, hat ein 30-Jähriger erstmals vor Gericht gegen seinen mutmaßlichen Vergewaltiger ausgesagt. „Es ging immer los mit Streicheln und Ausziehen“, schildert der Mann am Freitag vor dem Kieler Landgericht.

Der heute 69-jährige Gartennachbar seines Vaters soll sich erstmals 1994 an dem damals zehn Jahre alten Jungen vergangen haben. Die Anklage listet bis 1998 zehn Fälle auf. Der Vorwurf: schwerer Kindesmissbrauch. Der Angeklagte äußert sich zunächst vor Gericht nicht.

Dem heute 30-jährigen mutmaßlichen Opfer und Nebenkläger fällt die mehrstündige Vernehmung schwer. Er habe die Vorfälle in der Gartenlaube, der Dunkelkammer und dem Schlafzimmer des Mannes in Kiel all die Jahre verdrängt und aus Angst und Scham geschwiegen, sagt er.

Die Erinnerungen kamen demnach erst bei einem handfesten Krach mit seiner Frau wieder hoch. Sie drängte ihn 2011 zur Strafanzeige. „Sie merkte, dass ich Gefühle nicht zulassen kann“, sagt er. „Ich habe damals geheult wie ein kleines Mädchen.“

Vor Gericht beschreibt der Mann dann einzelne demütigende Szenen, etwa wie die Frau des Angeklagten an die Tür der Dunkelkammer klopft und wissen will: „Dauert es noch lange?“ Sexuell völlig unerfahren habe er damals den Angeklagten gefragt, ob das, was er mit ihm mache, normal sei. Der habe Ja gesagt und gedroht, es würde was Schlimmes passieren, wenn er es erzähle. „Der Satz, es passiert was Schlimmes, der sitzt“, sagt der Zeuge auf Fragen des Vorsitzenden Richters, warum er sich nicht wehrte und schwieg. Ihm sei erst viel später klargeworden, was geschehen sei.

„Ich wusste nicht, wem ich mich anvertrauen sollte.“ Ein früher Versuch, es seinem Vater und der Stiefmutter zu sagen, blieb wirkungslos, sagt der 30-Jährige. Das Verhältnis vor allem zum Vater bezeichnet sein Sohn als völlig abgekühlt. Er habe keine leichte Jugend gehabt, viel „Bockmist“ gebaut, auch Geld und „Naschis“ gestohlen und viel Schläge kassiert.

Der Verteidiger des Angeklagten zielte mit vielen Fragen darauf ab, Widersprüche und Unstimmigkeiten in den Aussagen des 30-Jährigen Zeugen aufzuspüren und dessen Glaubhaftigkeit infrage zu stellen. Der Zeuge hatte eingeräumt, dass in ihm Hass aufstieg, als er den 69-Jährigen auf der Hochzeit seines Bruders als Fotografen wieder sah. Dass er ihn angesprochen und ihn um Geld gebeten habe, wie dies Fragen des Verteidigers nahelegten, wies er als „definitiv falsch“ zurück.

Das Verfahren soll am Montag fortgesetzt werden. Das Gericht hat insgesamt sechs Verhandlungstage geplant. 

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