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Ehrenamt : Mut zur Herzlichkeit – Syrerin hilft Flüchtlingen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Maisae Alabdallah-Sörensen siedelte vor 23 Jahren von Damaskus nach Deutschland um – und glaubt, die Deutschen werden von den Syrern profitieren.

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erstellt am 08.Nov.2015 | 10:31 Uhr

Sie kam nicht als Kriegsflüchtling, sondern für die Liebe nach Deutschland: Die gebürtige Syrerin Maisae Alabdallah-Sörensen hat das geschafft, was vielen der jetzt ankommenden Flüchtlinge bevorsteht. Nach 23 Jahren ist Deutschland ihr Zuhause. Heute hilft Alabdallah-Sörensen neben ihrem Beruf als Dolmetscherin ehrenamtlich Menschen, die hier Asyl suchen – ein Beispiel, wie Integration funktionieren kann.

„So schnell wie möglich Deutsch lernen, ein Studium oder eine Ausbildung machen“, das ist der Rat, den die Kielerin Flüchtlingen mitgibt. Dass das nicht leicht ist, hat Alabdallah-Sörensen selbst erfahren. Drei Jahre lang fand sie trotz aller Bemühungen keine Arbeit, bis sie ein Kunststudium in Kiel aufnehmen konnte. Dabei habe sie deutlich bessere Grundvoraussetzungen gehabt. Im Gegensatz zu den heute kommenden Flüchtlingen, war es eine freie Entscheidung, betont sie: „Wir lebten sicher und zufrieden in Syrien.“

1992 lernte die heute 51-Jährige den Mann in Damaskus kennen, mit dem sie bis heute verheiratet ist. Damals studierte er Medizin und Islamwissenschaften und wollte die Kultur Syriens kennenlernen. Der junge Deutsche und in die damals 28-jährige Kunstlehrerin Alabdallah verliebten sich ineinander. Sie entschied sich, ihn nach Deutschland zu begleiten. „Aber ich habe ihm gesagt, dass ich selbstständig sein und arbeiten will.“

Freisein – das hängt für die freiberufliche Dolmetscherin sehr eng mit Arbeit und der Sprache zusammen. „Ohne Arbeit ist man kein vollständiger Mensch“, sagt sie. Und Syrer wollen arbeiten. „Sie sind ehrgeizig.“ Nur seien die Hürden heute wie damals häufig noch zu hoch. „Selbst für eine Küchenhilfe gelten Deutschkenntnisse als Einstellungsvoraussetzung“, kritisiert sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Wenn es nach ihr ginge, sollten Unternehmen mehr Mut haben und auch Flüchtlinge einstellen, die nur Englisch sprechen. „Nur so können sie schnell Deutsch lernen.“

Der Austausch mit den Deutschen – das sei das wichtigste für die Integration. Als Alabdallah-Sörensen damals in Deutschland ankam, hat sie das schnell gemerkt. Anfangs lernte sie die Sprache aus einem alten Lehrbuch für Arabischsprechende. Die Übersetzungen wurden in altdeutscher Fraktur-Schrift überliefert. „Bis heute kann ich diese Schrift nicht entziffern.“ Zwar habe sie Grammatik und Vokabeln aus Büchern lernen können. Geholfen habe aber vor allem der Spielplatz. „Mein Sohn war meine Visitenkarte zur Sprache. Auf dem Spielplatz habe ich mich getraut, deutsche Frauen einfach anzusprechen, auch wenn mein Deutsch nicht perfekt war.“ Wer die neue Sprache nicht beherrsche, verliere an Selbstbewusstsein und ziehe sich zurück. Diese Gefahr bestehe heute genauso.

Seit 21 Jahren lebt Maisae Alabdallah-Sörensen in der Landeshauptstadt und sagt: „Ich liebe Kiel. Es war die erste Stadt, in der ich Kontakte und Freundschaften aufbauen konnte.“ Auf Zwischenstationen in Dortmund und einem Dorf nahe München habe sie andere Erfahrungen machen müssen.

Sie fühle sich wohl in Schleswig-Holstein, dennoch vermisse sie die Heimat. „Ich würde sehr gerne wieder einmal Syrien und die Familie besuchen, das Land sehen, die Erde riechen.“ Wenn sie von ihren Verwandten spricht, die auch heute noch in den Wirren des Krieges leben, stockt die 51-Jährige. Zu viele grauenvolle Fotos und Geschichten haben sie über das Internet erreicht. Dennoch kenne sie Landsleute, die Syrien niemals verlassen würden. „‚Eher sterbe ich‘, sagen sie. Aber das sind häufig alleinstehende Menschen. Wer Kinder hat, flieht. Auch wenn er dafür große Opfer bringen muss.“

„Syrer“, sagt die 51 Jährige, „können die deutsche Gesellschaft bereichern.“ Denn dort haben Familie und Freunde einen besonders großen Stellenwert. Sie seien zudem sehr kommunikativ. Die meisten Deutschen hätten ihrer Erfahrung nach den Mut, sich dieser Herzlichkeit zu öffnen. „Schwarze Schafe gibt es in jeder Gesellschaft. Leider sorgen sie für die größten Schlagzeilen. Das auf alle Syrer zu beziehen ist falsch.“ Aus ihrer Übersetzertätigkeit weiß die Kielerin, dass viele der jetzt kommenden Syrer hoch qualifiziert seien. Ein respektvoller Umgang, ohne sich zu zu verlieren, das scheint ihr der richtige Weg für Integration zu sein. Man dürfe die eigenen Werte nicht aus den Augen verlieren. Maisae Alabdallah-Sörensen hat dafür eine ebenso einfache wie wahre Lebensweisheit parat: „Meine Freiheit hört da auf, wo das Recht des anderen beginnt.“  

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