Modell Gaarden : Multi-Kulti-Projekt im Alter

Im Mietertreff laufen die Fäden zusammen: Die Verantwortlichen sind stolz auf ihre Seniorenwohnanlage (links).
Im Mietertreff laufen die Fäden zusammen: Die Verantwortlichen sind stolz auf ihre Seniorenwohnanlage (links).

Die erste Senioren-Wohnanlage für Einheimische und Migranten zieht nach fünf Jahren eine positive Bilanz. Die anfängliche Skepsis ist verflogen. Die Bewohner sind hochzufrieden, genießen die Gemeinschaft und die Ruhe in ihrer grünen Oase.

shz.de von
22. November 2018, 19:59 Uhr



Es funktioniert. Das ist die wichtigste Botschaft, die vom Gustav-Schatz-Hof in Kiel-Gaarden weit hinaus ins Land getragen wird. Fünf Jahre nach Einrichtung der ersten Multi-Kulti-Wohnanlage für Senioren zeigen die Verantwortlichen den Skeptikern, dass friedliches Zusammenleben von Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Religion möglich ist. Dafür ist nicht allein die Altersweisheit der Bewohner verantwortlich.

Die Seniorenwohnanlage liegt mittendrin in einem schönen Neubaugebiet, das seit den 90er-Jahren auf dem Areal der noch aus Kaisers Zeiten stammenden Pickert-Kaserne entstanden ist. Knapp 400 Sozialwohnungen hat die Frank-Gruppe hochgezogen. Die eigene Kita nimmt nicht nur den Nachwuchs der Bewohner auf, sie sorgt mit regelmäßigen Besuchen bei den Senioren auch für Abwechslung. „Generationenübergreifendes Wohnen“ nennen das Experten.

Gaarden ist der Stadtteil mit der höchsten Migrantenquote in Kiel. Ein gutes Viertel der 94 Seniorenwohnungen bewohnen denn auch Menschen mit ausländischen Wurzeln: Türken, Russen, Ukrainer, Iraker, Armenier, Griechen, Finnen und Franzosen. Mit Rücksicht auf die Kulturen gibt es verschiedene Gebetsräume. Wobei sich schnell zeigte: Feste wie das islamische Fastenbrechen oder auch der christliche Advent finden Anklang bei sämtlichen Mitbewohnern. Fundamentalisten haben im Schatz-Hof offenbar keine Anhängerschaft.

„Das Plus ist das ganzheitliche Konzept, das wir verfolgen“, sagt Semra Basoglu von der Diakonie Altholstein. In den Händen von ihr und 50 Kollegen liegt die Betreuung der Senioren in der Wohnanlage. Semra Basoglu verweist auf die eigene Demenz-WG mit ihren zwölf Bewohnern, auf die Möglichkeit der Tagespflege und auch auf den Mietertreff, der regelmäßig im Gustav-Schatz-Hof zusammenkommt.

Ergebnis: Es wird nicht übereinander, sondern mehr miteinander geredet. Und wenn auf den Fluren mitunter Russisch, Türkisch, Arabisch oder Plattdeutsch gesprochen wird, muss man nicht jedes einzelne Wort verstehen. Aber man ist sich offenbar im Grundsatz der Achtung und Toleranz einig.

Bei der jüngsten Befragung der Bewohner zeigte sich, dass die Frauen und Männer mit ihren Wohnungen wie auch mit dem Zusammenleben hoch zufrieden sind. Mit einer Ausnahme: Die Parksituation am Gustav-Schatz-Hof ist miserabel. Aber das ist kein Einzelfall im dicht bevölkerten Gaarden. Auf der anderen Seite genießen die Bewohner die idyllische Ruhe ohne Autoverkehr – das ist nicht unbedingt typisch für das umtriebige Ostufer.

Die Zahlen sprechen für sich. Die Seniorenwohnanlage vermeldet so gut wie keinen Leerstand, die Fluktuation liegt bei mäßigen 5 Prozent jährlich. Bei einer Kaltmiete von 5,40 Euro pro Quadratmeter und monatlichen Gesamtkosten von knapp 400 Euro für die 45 Quadratmeter große Wohnung ist die Warteliste groß. Das Beispiel Gustav-Schatz-Hof könnte Schule machen, meint Holger Zychski von der Frank-Gruppe: Es gibt kaum eine vergleichbare Einrichtung in Deutschland.“

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