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Mittendrin, aber doch ganz weit weg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Auf dem Rathausplatz schickte Jan Becker 36 Schleswig-Holsteiner bei einer Massenhypnose entspannt in den Tag – ein Selbsttest

Gestern morgen, 6.33 Uhr: Der Blick wandert verschlafen erst zum Thermometer, dann skeptisch aus dem Fenster hinaus. 11,8 Grad und irgendwie noch nicht so richtig hell. Ich bin auch noch nicht so richtig gut gelaunt, geschweige denn die Frische in Person. Perfekte Voraussetzungen also, um mich ausgerechnet an einem Freitag, den 13., auf mein Rad zu setzen, zum Kieler Rathausplatz zu fahren und mal auszuprobieren, ob Jan Becker das hält, was er verspricht: absolute Entspannung, Motivation und volle Energiespeicher für den Tag. Insgesamt 36 Leute sind extra früh aufgestanden, um gleich wieder schlafen gelegt zu werden.

Becker (38) nennt sich Mentalmagier und ist in Kiel zu Gast, um beim Radiosender R.SH dessen „magische Woche“ zu bereichern. Zum Abschluss hat er sich etwas besonderes ausgedacht – eine Massenhypnose auf dem Rathausplatz. Ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll. Hypnose: Klar, habe ich schon mal von gehört. Aber was da genau mit mir passieren wird?

Jan Becker ist eine Erscheinung. Er ist groß. Und sieht auf seine Art und Weise auch ein wenig mystisch aus. Drei große Ringe an den Händen, den Kopf bis auf einen Streifen kahlgeschoren. In einer ersten Vorübung – quasi zum Kennenlernen – bringt er mich dazu, ohne dass ich selbst aktiv werde, meine Zeigefinger aneinander zu tippen (kleines Foto). Dann beginnt er, einen nach dem anderen zu hypnotisieren. Vor mir sinken die Leute, gestützt von Helfern, auf die Iso-Matten, Becker spricht leise auf sie ein. Der erste „Schlafende“ ist Phil Muskat (17) aus Neumünster.

Er wird erst knapp 90 Minuten später von Becker „zurückgeholt“. Der Mentalmagier geht durch die Reihen. Je näher er kommt, desto mehr grüble ich darüber nach, wie es mir gleich gehen wird. Eigentlich habe ich nie so recht geglaubt, dass das mit der Hypnose funktioniert. Aber die anderen liegen da alle so friedlich. Nur hier und da nehme ich bei Phil oder seinem Vater Jörg (51) ein Flackern der Augenlider wahr. Das kann keine Show sein.

Nun steht Becker vor mir. Mir ist etwas mulmig zu Mute. „Geht’s Dir gut?“, fragt er. „Noch ja“, denke ich und nicke. Ich fixiere ihn, dann seinen Zeigefinger über mir. Dann liege ich mit geschlossenen Augen. Die Geräusche um mich herum nehme ich alle wahr. Ob ich was falsch mache? Ich weiß es nicht. Und von Sekunde zu Sekunde denke ich auch nicht mehr darüber nach. Die Geräusche werden gedämpfter, leiser, der Körper schwerer. Was bleibt ist das gute Gefühl, ständig reagieren zu können, falls etwas sein sollte. Dass ich hier mitten in der Innenstadt einfach mal so rumliege, hätte ich a) vorher nie geglaubt und b) blende ich das Stück für Stück aus. Ich bin irgendwie ganz weit weg.

Nach für mich unbestimmter Zeit dringt Beckers Stimme über Lautsprecher in meinen Kopf. „Ich zähle gleich bis drei. Bei drei öffnet Ihr alle die Augen und startet motiviert und entspannt in den Tag.“ Einatmen, Ausatmen. „Drei“. Ich öffne die Augen. Von der Sonne keine Spur. Eben meinte ich noch zu spüren, dass es merklich heller geworden ist. Auch stehen immer noch sehr viel mehr Leute um uns herum, als ich es dem Geräuschpegel nach vermutet hatte. Auf jeden Fall bin ich tatsächlich deutlich entspannter, weniger müde und irgendwie frischer als vorher. Doch so gut das Gefühl auch ist, ein frischer Kaffee wäre jetzt auch nicht verkehrt.

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