Gorch Fock : Mit rostigem Rumpf rund um Kap Hoorn

Die 'Gorch Fock' bleibt bis Juli im Dock. Foto: dpa
Die "Gorch Fock" bleibt bis Juli im Dock. Foto: dpa

Streit um die Reparatur der "Gorch Fock": Am Traditionssegler gibt es massive Schäden - trotz der Generalüberholung 2010. Die Kosten steigen auf über acht Millionen Euro.

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23. April 2012, 10:19 Uhr

Kiel | Die Reparatur des Marineschulschiffs "Gorch Fock" wirft immer mehr Fragen auf. Was im Oktober mit einfachen Instandsetzungsarbeiten in der Kieler Lindenau-Werft begann, hat sich längst zu einem finanziellen Desaster entwickelt. Mittlerweile ist bei der Sanierung von einem hohen einstelligen Millionenbetrag die Rede. In der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt wurden vergangenen Herbst massive Schäden am Unterwasserschiff der "Gorch Fock" festgestellt, eine Neuausschreibung wurde nötig.
Ein derart schwere Beschädigung nach der achtmonatigen Südamerika-Reise erscheint ungewöhnlich. Denn erst 2010 war das Marineschulschiff in der Elsflether Werft (Niedersachsen) generalüberholt worden. Fachleute vermuten, dass der Sanierungsauftrag nicht in vollem Umfang abgearbeitet wurde. Allem Anschein nach sollte die Bark pünktlich zu ihrer Südamerika-Reise in See stechen, die komplette Generalüberholung hätte dafür vermutlich zu lange gedauert. Wurde die Besatzung der "Gorch Fock" mit einem provisorisch reparierten Schiff um Kap Hoorn geschickt?
Besanmast korrodiert
Fest steht, dass der Stahlrumpf mit stellenweise nur sechs statt zwölf Millimeter Dicke so gut wie durchgerostet und es nur noch eine Frage der Zeit war, bis der korrodierte Besanmast dem Wind nicht mehr Stand gehalten hätte. Schon während der Südamerika-Reise hatten sich Matrosen bei der Betrachtung des stark verrosteten Mastfußes gefragt, ob dieser bei der Generalüberholung in Elsfleth vergessen worden war.
Als Hauptursache für den massiven Rostschaden wurde zunächst die unsachgemäße Isolierung der 160 Tonnen schweren Bleibarren genannt, die 2010 in Elsfleth als Ballast in den Rumpf eingebaut worden waren. Doch bis heute hat die Marine keine Regressansprüche gestellt, für Rainer Kersten vom Bund der Steuerzahler in Kiel ungewöhnlich: "Wir beobachten die Aktion mit großem Argwohn. Uns gegenüber wird gemauert. Wir wollen wissen, was zwischen 2010 und 2011 geschehen ist und ob sich der Schiffszustand in so kurzer Zeit derart verschlechtern kann." Für ihn ist nicht ausgeschlossen, dass die damaligen Mängel, wie in der Ausschreibung festgelegt, aus Geld- und Zeitnot nicht behoben wurden.
Ultraschallprüfung nicht an allen Stellen
Aus der über 100 Seiten umfassenden Leistungsbeschreibung, die dem sh:z vorliegt, geht nämlich hervor, dass das Schulschiff umfangreich untersucht und repariert werden sollte. So hätten die Bleigewichte zunächst ausgebaut und gereinigt werden sollen. Die freigelegten Flächen mussten gesäubert, besichtigt und gemäß Farbplan neu konserviert werden. Vor dem Wiedereinbau der Ballastgewichte sollte der Stauraum für das Blei mit Trennfolie ausgelegt werden, um eine Kontaktkorrosion zu verhindern. Ebenfalls wurde eine Ultraschallprüfung am Schiffskörper durchgeführt, um die Rumpfdicke zu bestimmen.
Doch nicht an allen Stellen, wie Kurt Wiechmann, Chef der Elsflether Werft, bestätigt: "Die Arbeiten waren längst nicht so umfangreich wie jetzt." Trotz Ultraschallprüfung seien nicht alle Rumpfbereiche untersucht worden, erklärt der Vorstandsvorsitzende.
Fehler bei der Reparatur?
Ausgeschrieben wurde der Auftrag zur aktuellen Sanierung erneut durch das Marinearsenal in Wilhelmshaven, das nur rund 50 Kilometer von Elsfleth entfernt liegt. Im angemieteten Dock der Bremerhavener Bredo-Werft wird das Schiff derzeit von Elsflether Mitarbeitern instandgesetzt. Wie konnten die Rostschäden bei Lindenau binnen kürzester Zeit entdeckt, in Bremerhaven ein Jahr zuvor aber übersehen werden? Sitzen die wahren Experten etwa doch in Kiel? Wiechmann weist die Schuld zurück: "Wir haben damals sogar eine Folie mehr eingebaut als gefordert."
Ein Fehler? Prof. Benedict Boesche vom Institut für Schiffbau und Maritime Technik der Fachhochschule Kiel nennt Gründe: "Bei Folien muss man aufpassen, da sich darunter Feuchtigkeit sammelt. Kann diese nicht entweichen, rostet es." Eine mögliche Erklärung für den jetzt festgestellten Schaden? Eine Holzschicht zwischen Außenhaut und Bleibarren hätte ebenso gut die Korrosion verhindern können, sagt Boesche.
Keine Schuld bei der Werft
Wiechmann sieht keine Schuld bei der Werft. "Selbst wenn es so wäre, dass wir Fehler gemacht haben, was ich bestreite, sind wir doch dagegen versichert. Wenn wir tatsächlich Bockmist gemacht hätten, hätte die Marine doch ihren Gewährleistungsanspruch geltend machen können. Die Reparatur über die Versicherung wäre viel einfacher gewesen, als über eine neue Ausschreibung."
Damit spricht Wiechmann ein anderes heikles Thema an. Denn dass die "Gorch Fock" ausgerechnet wieder in Elsfleth repariert wird und die Bauaufsicht aus Wilhelmshaven wieder diejenige ist, die schon 2010 die Generalüberholung begleitet hatte, verwundert nicht nur den Bund der Steuerzahler. Auch Jan Wilhelm, Insolvenzverwalter der Lindenau-Werft, kann diese Entscheidung nur schwer nachvollziehen. "Man kann sagen, dass der Schädiger das Schiff zurückbekommen hat."
Nach aktuellem Stand wird die "Gorch Fock" nicht vor Juli das Bredo-Dock verlassen. Eine Teilnahme an der Kieler Woche ist damit ausgeschlossen.

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