Wie in der Steinzeit : Mit Muskelkraft zum Hünengrab

So hat es einst funktioniert, so funktioniert es auch heute: Über Baumstämme wird der tonnenschwere Grab-Deckstein in seine Position gezogen.
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So hat es einst funktioniert, so funktioniert es auch heute: Über Baumstämme wird der tonnenschwere Grab-Deckstein in seine Position gezogen.

Experiment gelungen: Vor dem Uni-Hochaus steht seit gestern ein Megalithgrab. Dutzende von Helfern packten mit an und zogen die tonnenschweren Steine mit den gleichen Hilfsmitteln wie die Menschen in der Jungsteinzeit vor über 5000 Jahren. .

shz.de von
14. Mai 2015, 18:04 Uhr

Große Aufregung gestern Nachmittag auf dem Campus-Gelände gleich neben dem Audimax: Unter den Augen vieler Schaulustiger errichteten Dutzende von Helfern ein Megalithgrab – und zwar mit den gleichen Hilfsmitteln, wie sie auch den Menschen vor über 5000 Jahren zur Verfügung gestanden hatten. An starken Seilen wurden die beiden, jeweils etwa 4,5 Tonnen schweren Decksteine über Rundhölzer in ihre Position gezogen. Und zwei Ochsen von der Arche Warder karrten Körbe mit Flintsteinen herbei.

Mit diesem Material, das zunächst im Feuer gebrannt wurde, schmückten schon die Menschen der Jungsteinzeit ihre Nekropolen, die im Übrigen nicht nur Gräber waren, sondern auch Plätze der Zusammenkunft, der Beratung und des Feierns. Im Zentrum zwischen Uni-Hochhaus, Audimax und Mensa hat das neue Hünengrab für Johannes Müller, Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Kieler Universität, deshalb auch einen angemessenen Ort gefunden.

Sein Kollege Walter Dörfler verweist auf die aufwändige Logistik, die für den Grabbau nötig war: „Das funktionierte nur als Gemeinschaftswerk.“ Folgerichtig haben die Wissenschaftler für die Zeit ab 3500 vor Christus auch die ersten Dörfer nachgewiesen. Als Vorbild für das Megalithwerk an der Universität diente das Grab, das der Archäologe Jan Piet Brozio in Wangels (Kreis Ostholstein) mit seinem Team vor drei Jahren ausgegraben hatte.

Bernstein fanden sie als Grabbeigabe vor, auch die 54 reich verzierten Gefäße zeugen von der Bedeutung der Bestattung. Dem historischen Vorbild folgend platzierte Uni-Präsident Lutz Kipp am Abend ein Keramikgefäß im Grab. Darin enthalten sind Pflanzen wie der Glatthafer, der aus der schleswig-holsteinischen Flora längst verschwunden ist.

Dass die von den Ochsen herbeigebrachten Flintsteine aus Flintbek (Kreis Rendsburg-Eckernförde) stammen, ist ebenfalls als Würdigung zu verstehen. Am Gräberfeld in der kleinen Gemeinde wurde eine 20 Meter lange, urgeschichtliche Wagenspur entdeckt, die mit ihrem Alter von 5400 Jahren weltweit zu den ältesten Nachweisen des Rades zählt. In dieser Hinsicht spielt das schleswig-holsteinische Flintbek in der gleichen wissenschaftlichen Liga wie das berühmte Mesopotamien im Vorderen Orient.  

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