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Amtsgericht : Mit falscher Vollmacht Pakete abgeholt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein 20-jähriger Mann kam beim Betrugsverfahren vor dem Amtsgericht mit einem blauem Auge davon. Das Gericht wertete sein Verhalten als naiv und dilettantisch – und verordnete 60 Arbeitsstunden nach dem Jugendstrafrecht.

shz.de von
erstellt am 07.Mär.2016 | 13:59 Uhr

Zur Tatzeit war er noch 20 Jahre alt. Das war sein Glück. Auf den Heranwachsenden wurde das Jugendstrafrecht angewendet. Andernfalls wäre für mehrfache Beihilfe zum Betrug, für Diebstahl und versuchte Unterschlagung ein härteres Urteil ergangen. So aber kam der junge Angeklagte mit einer offiziellen Verwarnung und 60 Arbeitsstunden davon, die er in den nächsten beiden Monaten abzuleisten hat.

Im Verfahren vor dem Kieler Amtsgericht fielen gestern mehrfach die Worte „naiv“ und „dumm“. Es zeugte auch nach Ansicht der Staatsanwältin wahrlich nicht von einem durchdachten Plan, als der 20-Jährige mit falscher Vollmacht, aber eigenem Ausweis Pakete bei der Post abholte, die ein entfernter Bekannter mit dem Spitznamen „Ali“ bei Zalando oder Conrad im Internet bestellt, aber nie bezahlt hatte. Jeweils 20 Euro gab’s von „Ali“ für die vier Botendienste. Über die hinterlegten Ausweisdaten kamen die Ermittler dem jungen Mann später schnell auf die Schliche.

In einem zweiten Fall ließ er bei Famila eine Zahnpasta mitgehen. Wert: 4,99 Euro. Und schließlich ging es um einen Zigarettenautomaten, der am Vorabend aus einem Imbiss gestohlen worden war und jetzt samt Vorschlaghammer in einem Kieler Park lag. So gab es jedenfalls der Angeklagte zu Protokoll. Gemeinsam mit einem Kumpel wollte er die Geldkassette plündern. Doch das Duo machte dabei so viel Lärm, dass aufgeschreckte Nachbarn die Polizei alarmierten, die die beiden Grobmotoriker in flagranti erwischen konnte.

„Da hat sich ja ein bisschen ’was angesammelt“, wandte sich die Richterin an den Angeklagten, der sich nach seinem verspäteten Realschulabschluss im Sommer 2015 mit gelegentlichen Hilfsarbeiten über Wasser gehalten hatte. Die Einstellung zum Geld ist fast noch kindlich. Ein eigenes Konto besitzt er nicht, seine Mutter überwacht die Finanzen und teilt ihm das Taschengeld zu.

Diese Unselbstständigkeit bemängelte auch der Gutachter des Jugendamtes. Er vermisste eine feste Tagesstruktur, einziger Anhaltspunkt des Angeklagten sei bislang das Kieler Jobcenter gewesen. Allerdings: Mit der Zusage für eine Lehrstelle, dem bevorstehenden Umzug nach Hamburg und einer festen Beziehung sei aktuell wieder eine verlässliche Perspektive vorhanden.

„Ihm muss deutlich gemacht werden, dass es so nicht geht“, erklärte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. Die Richterin übernahm ihre Forderung nach 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit. „Ab jetzt zählt Anderes“, verlangte sie vom 20-Jährigen und fügte hinzu: „Sie sind doch nicht dumm!“ Mit Blick auf den Wohnort-Wechsel von der Förde an die Elbe warnte sie den jungen Mann vor neuen Torheiten: „Auch in Hamburg laufen irgendwelche ,Alis’ herum.“
 

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