Neue Entwicklung : Mit dem Rollstuhl aufs Wasser

Erster Neubau seit vielen Jahren: Werftchef Ture Rathje sieht im „Dreamboat“ einen weltweit vielversprechenden Prototypen für Menschen mit Handicap.
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Erster Neubau seit vielen Jahren: Werftchef Ture Rathje sieht im „Dreamboat“ einen weltweit vielversprechenden Prototypen für Menschen mit Handicap.

Auf der Bootswerft Rathje in Friedrichsort entstand ein Spezialboot für Menschen mit Handicap. Gestern kam es erstmals ins Wasser, die Schwimmeigenschaften wurden gelobt. Die Probephase für das weltweit einzige Fahrzeug seiner Art läuft bis Sommer.

shz.de von
09. Januar 2018, 18:40 Uhr

Alle waren sie aufgeregt. Die Mitarbeiter der Werft verfolgten ebenso wie die Experten der Fachhochschule Kiel und natürlich die Betroffenen selbst die „Wasserung“ des gemeinsam entwickelten Handicap-Bootes. Auch wenn noch einiges an Bord fehlt – vorrangig der Elektromotor mit seinen Akkus –, so erfüllte das „Dreamboat“ doch schon die stillen Hoffnungen gehbehinderter Menschen. Sie werden wohl demnächst mit ihrem Rollstuhl an Deck fahren können und sich ohne fremde Hilfe auf Seereise begeben können.

Eigenständig Wassersport betreiben – das war und ist die Absicht des Projektes, zu dem sich die FH und der Verbraucherschutzverein für ältere und behinderte Menschen zusammengefunden haben. Mit der Yacht- und Bootswerft Rathje in Friedrichsort kam der kompetente dritte Partner hinzu. Finanzielle Hürden überbrückte die Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH (WTSH) mit einem Scheck über 60 000 Euro für die Projektkosten.

Ergebnis der zweieinhalbjährigen Planungs- und Bauzeit ist ein fünf Meter langer Katamaran mit geringem Tiefgang und hoher Stabilität. Das „Dreamboat“ wird in den kommenden Monaten an der FH mit Antrieb und Elektronik ausgestattet, anschließend ausgiebig auf der Förde getestet. Nach der für Frühsommer geplanten Taufe steht es dann Menschen mit körperlichem Handicap zur Verfügung.

Claus-Dieter Schulz, FH-Ingenieur und selbst Gehbehinderter, wagte sich mit seinem Rollstuhl als erster auf das schaukelige Gefährt. FH-Professor Sven Olaf Neumann und FH-Absolvent Nils Himstedt – er hatte 2015 die allererste Projektskizze entworfen – ersetzten als „Rudergänger“ den Elektro-Antrieb und paddelten ein paar Meter im kabbeligen Werftbecken umher. Immerhin: Die Jungfernfahrt überstanden das „Dreamboat“ und seine Passagiere unbeschadet, die ersten Eindrücke vom Schwimmverhalten des Handicap-Boots fielen ganz passabel aus.

Werft-Chef Ture Rathje – auch er ehemaliger FH-Student – freut sich, dass er mit dem „Dreamboat“ den ersten Neubau seit 20 Jahren präsentieren kann. Für sein Unternehmen, spezialisiert auf die Reparatur von Yachten, sieht er im Handicap-Boot eine vielversprechende Marktnische. Wenn Rathje vom „barrierefreien Wassersport“ spricht, denkt er nicht nur an den Kreis behinderter Menschen, sondern mehr noch an die stetig wachsende Gruppe der Senioren. Rathje kennt in der Szene kein vergleichbares Projekt. Weshalb sich für ihn spätestens bei der Taufe herausstellen wird: Das „Dreamboat“, erbaut auf einer Kieler Werft, ist eine absolute Weltpremiere.

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