Spring Classics : Mit 300 Watt nach Belgien – Kieler Radrennfahrerin erfüllt sich einen Traum

<p>Platz eins im letzten Rennen der Saison 2017. Bei Kilometer 45 konnte Kim Kohlmeyer ausreißen und ihren ersten Sieg in Belgien einfahren.</p>
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Platz eins im letzten Rennen der Saison 2017. Bei Kilometer 45 konnte Kim Kohlmeyer ausreißen und ihren ersten Sieg in Belgien einfahren.

Vor vier Jahren saß Kim Kohlmeyer erstmals auf einem Rennrad. Zum Saisonauftakt am 24. Februar misst sie sich mit der Weltspitze.

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11. Februar 2018, 19:00 Uhr

Kiel/Israel | Temperatur: 24 Grad, Steigung: fünf Prozent. Der Schweiß rinnt, die Oberschenkel brennen. Kilometerweit schlängelt sich die Straße durch die teils karge, hügelige Landschaft der Wüste Negev in Israel. Noch über 100 Kilometer liegen vor Kim Kohlmeyer an diesem Tag. Die 34-jährige Radrennradfahrerin ist gerade in ihr Trainingslager gestartet. Am Ende der neun Tage wird sie knapp 1000 Kilometer mit rund 15.000 Höhenmetern gefahren sein.

<p>Trainingslager in der Negev in Israel. Kim Kohlmeyer bereitet sich akribisch auf den Saisonstart am 24. Februar vor.</p>
Foto: Privat

Trainingslager in der Negev in Israel. Kim Kohlmeyer bereitet sich akribisch auf den Saisonstart am 24. Februar vor.

 

Die Wahl-Kielerin, die in Bargstedt (Rendsburg-Eckernförde) aufgewachsen ist, steckt mitten in der Vorbereitung. Vor der Saison ist sie in das belgische Team „Autoglas Wetteren“ gewechselt. Damit hat sie ab sofort die Möglichkeit, in der Leistungsklasse UCI 1.1. zu starten – in ihrer erst dritten Saison. Und der vermeintliche Höhepunkt steigt gleich zum Auftakt: Kohlmeyer startet mit ihrem Team bei einem der Spring Classics in Belgien – dem Omloop Het Nieuwsblad am 24. Februar. Dort wird sie sich mit den Besten der Welt messen.

Das sei in etwa vergleichbar mit der Champions League im Fußball, versucht sich die 34-Jährige an einer Erklärung für Radfahrlaien. „Darüber kommen nur noch Weltcup und Olympia. Davon träumt man als Rennradfahrer“, sagt die Sportlerin und schwärmt von der Strecke: Grobes Kopfsteinpflaster, viele „Bergs“ (steile Anstiege, für die Belgien bekannt ist), Kälte und vielleicht noch regennasse Straßen.

Was für die meisten nicht gerade verlockend klingt, löst in Kim Kohlmeyer Euphorie aus. Mit jeder Menge Vorfreude, aber auch ganz viel Respekt denke sie an das bevorstehende Rennen, bei dem für sie zunächst der Olympische Gedanke zähle – Dabeisein ist alles. 

Dass sie Ende des Monats in Belgien dabei sein kann, das hat sich die Schleswig-Holsteinerin hart erarbeitet. Erst im Alter von 30 Jahren kaufte sie sich ihr erstes Rennrad – noch bevor sie überhaupt auf einem gesessen hatte. Zuvor war sie in einer Großkanzlei in Brüssel tätig. Sie war immer sportlich, hat Fußball gespielt, ist viel gelaufen, jetzt war der Ironman das Ziel. Weil ihr das Schwimmen nicht lag, dafür das Radfahren umso mehr, spezialisierte sich die Juristin jedoch bald.

 

Kohlmeyer trainierte viel und wurde schnell besser. Sie zog zwischenzeitlich nach Hamburg, trat dem FC St. Pauli bei und startete mit Trainer Philipp Diegner in ihre erste Saison als Lizenzfahrerin. „Ich glaube an deine Beine – lass uns was zusammen aufbauen“, hatte der gesagt. Der Sport rückte nun ganz in den Vordergrund. Ihre Spezialdisziplin: Das Zeitfahren.

Auch ein heftiger Unfall 2016 hielt sie nicht auf. Gabelbruch. Ein Materialfehler. Bei niedriger Geschwindigkeit stürzte sie direkt aufs Gesicht, schlug sich unter anderem mehrere Zähne aus. Trotzdem hatte sie großes Glück. „Eine Woche vorher war ich mit demselben Rad in den Alpen unterwegs. Wäre die Gabel da gebrochen, wäre ich wohl heute nicht mehr hier.“ Nur eine Woche nach dem Unfall saß die Kielerin wieder auf dem Rad.

Meisterin des Nudelsalats

Ihr Alltag ist klar strukturiert: Zweimal täglich Training – morgens eine Stunde, nachmittags zwei bis drei Stunden – rund 50 Rennen im Jahr und eine vollständig auf den Sport abgestimmte Ernährung. So gut wie kein Alkohol, keine Süßigkeiten, wenig Obst, kein Fruchtsaft, dafür reichlich Eiweiß und vor allem langkettige Kohlenhydrate.

„Nach einem Training muss ich zunächst Aminosäuren und Proteine aufnehmen“, erklärt die Sportlerin. „Innerhalb von zwei Stunden dann bis zu 200 Gramm Kohlenhydrate.“ Also etwa rund 300 Gramm Nudeln. Sie sei mittlerweile Meister des Nudelsalats. Alles wird gemessen und statistisch ausgewertet: Wattzahl, Trittfrequenz, Steigung, Entfernung, Geschwindigkeit, Herzfrequenz. 

Die 34-Jährige lebt also wie ein Profisportler – nur die Rahmenbedingungen sind – wie so häufig im Frauensport – dann eben doch ganz andere. „Ich bezahle fast alles selbst. Räder, Trainingsmaterial, Kleidung, Fahrten zu den Rennen. Die Preisgelder für Siege liegen zwischen 20 und 100 Euro. Bei den Männern gibt es schon im Amateurbereich deutlich mehr“, berichtet Kohlmeyer.

Zwischen 10.000 und 20.000 Euro habe sie sicherlich schon ausgegeben. Mittlerweile gebe es auch den einen oder anderen Sponsor, aber auch die müsse sich die Kielerin eigenständig suchen. Daher arbeitet sie zusätzlich an ihrer Promotion und besonders am Aufbau einer eigenen Anwaltskanzlei. Wie das funktioniere? Rücklagen, ein eingeschränkter Lebensstil und viel Unterstützung von der Familie.

Doping ist kein Thema

Mit dem anstehenden Rennen gegen Topfahrerinnen wie unter anderem die zweifache Olympiasiegerin und zwölfmalige Weltmeisterin Marianne Voss soll das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht sein. „Bis 38 kann man bei den Frauen noch gut mitfahren“, sagt Kohlmeyer. „Und es gab bisher so gut wie keinen Tag, an dem ich keine Lust hatte, aufs Rad zu gehen.“ Für sie bedeute der Sport Freiheit, Ausgleich und Herausforderung.

„Es macht Spaß zu sehen, was der Körper mitmacht“, so die 34-Jährige. Doping sei für sie deshalb auch überhaupt kein Thema. „Ich will das Beste aus mir herausholen und sehen, wie weit ich komme. Mir ist das wichtiger, als zu gewinnen. Würde ich dopen, wäre es nicht mehr meine eigene Leistung.“

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