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Plädoyers in Kiel : Missbrauchs-Prozess: Staatsanwalt und Verteidiger für Freispruch

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Ein 30-Jähriger soll mit zehn Jahren missbraucht worden sein. Doch seine Aussagen sind widersprüchlich. Das Kieler Landgericht muss entscheiden, ob der Mann glaubhaft ist.

shz.de von
erstellt am 13.Feb.2015 | 13:53 Uhr

Kiel | Im Missbrauchsprozess gegen einen 69-Jährigen, der sich vor rund 20 Jahren am Sohn seines Nachbarn vergangen haben soll, haben Staatsanwalt und Verteidigung Freispruch gefordert. Für die zehn angeklagten Taten gebe es nur die Aussage des mutmaßlichen Opfers, sagte der Ankläger am Freitag vor dem Landgericht Kiel. Doch an der Glaubwürdigkeit des heute 30-Jährigen, der in dem Verfahren Nebenkläger ist, gebe es Zweifel. Andere Beweise fehlten. Das Urteil in dem Prozess wird am kommenden Mittwoch erwartet.

Die Aussagen des Mannes vor Gericht und der Polizei seien widersprüchlich, sagte der Staatsanwalt. Außerdem hätten sein Vater und seine Stiefmutter seiner Angabe widersprochen, wonach er ihnen als damals Zehnjähriger von einem sexuellen Übergriff des Freundes und Gartennachbarn erzählt habe. Sie hätten dann in jedem Fall reagiert. Beide hätten den Sohn zudem glaubhaft als jemanden geschildert, der schon mal die Unwahrheit sagt. Den Angeklagten und dessen Ehefrau bezeichnete der Staatsanwalt als „ordentliche, bürgerliche Leute“ mit Kindern und Enkelkindern. Der 69-Jährige sei auch nicht vorbestraft. „In der Gesamtschau reicht es nicht, den Angeklagten zu verurteilen“, sagte der Staatsanwalt.

Dem Mann wird vorgeworfen, sich zwischen 1994 und 1998 an dem Jungen vergriffen zu haben. Der Angeklagte schwieg vor Gericht und verzichtete auf ein Schlusswort. Die Anträge auf Freispruch nahm er erleichtert auf.

Der 30-Jährige hatte unter anderem von Übergriffen in der Gartenlaube und dem Schlafzimmer des Mannes berichtet. Dass er sich erst rund 20 Jahre später nach einem Streit mit seiner Ehefrau offenbart und auf ihren Druck hin Strafanzeige gestellt hatte, deutete der Ankläger nicht als Wahrheitsbeweis, sondern als möglichen Versuch, bei ihr Sympathie zu erzeugen. Sie hatte ihm unter anderem Gefühllosigkeit vorgeworfen und gesagt, da müsse es etwas in seiner Kindheit geben.

Auch der Verteidiger sah Ungenauigkeiten und Widersprüche in den Aussagen des 30-Jährigen und forderte Freispruch. Sollte das Gericht zu einem anderen Ergebnis kommen, beantragte er vorsorglich, die Glaubwürdigkeit des Nebenklägers begutachten zu lassen. Der sei von seiner Behauptung, er sei missbraucht worden, angesichts des Drucks der Freundin nicht mehr heruntergekommen.

Der Rechtsanwalt des mutmaßlichen Opfers beantragte dagegen für den Angeklagten eine Freiheitsstrafe von mehr als zwei Jahren, die nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden könnte. Er hatte keine Zweifel an den Angaben seines Mandanten. Es gebe keine Lügenmerkmale: „Das kann man sich nicht ausdenken, wenn man es nicht erlebt hat“, sagte der Anwalt. Dass sein Mandant früher log, dürfe nicht dazu führen, den Grundsatz anzuwenden: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“

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