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Menschen mit Behinderung wollen lehren

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Drachensee stellt Projekt „Inklusive Bildung“ vor

Sie sind blind, Autisten oder sitzen im Rollstuhl und sie wollen künftig an Hochschulen lehren. Geht nicht? Geht doch! Das werden die sechs Bewerber für das aktuelle Drachensee-Projekt „Inklusive Bildung“ den Zweifelnden beweisen. Haben sie sogar schon, denn an der Kieler Fachhochschule gab es ein Vorreiterprojekt. Seit 2010 haben hier Menschen mit Behinderungen im Seminar „Meine Welt“ Studenten ohne Handicaps berichtet, wie ihr Leben aussieht, wie sie in den Werkstätten arbeiten oder ähnliches. „Das war für beide Seiten eine Bereicherung“, sagt Prof. Dr. Gabi Lenz, FH-Dekanin.

Doch was ist die Grundidee des Projekts? „Statt über Menschen mit Behinderungen zu sprechen, wird die Expertise von Menschen mit Behinderungen vermittelt“, erklärt Klaus Teske, Vorstand der Stiftung Drachensee. Viele unterschiedliche Organisationen seien gefordert, Inklusion umzusetzen. Für das Personal stelle sich die Frage, wie sich Inklusion in den Arbeitsalltag einbinden lässt. „Um in der Praxis nicht überfordert zu sein, muss Inklusion Teil der regulären Aus- und Weiterbildung werden“, so Teske. Diesen Beitrag will das Projekt „Inklusive Bildung leisten“. Die Projektziele sind ehrgeizig: Binnen zwei Jahren sollen Menschen mit Behinderungen so qualifiziert sein, dass sie gute Bildungsarbeit leisten und anderen von ihren Lebenslagen fachlich fundiert lehren können. Außerdem soll die qualifizierte Ausbildung der Menschen mit Behinderungen Anerkennung finden und bestenfalls zu einer sozialversicherungspflichtigen Anstellung führen.

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg: Die Finanzierung ist im ersten Ausbildungsjahrgang durch die Aktion Mensch gesichert. Das größere Problem befinde sich in den meisten Köpfen der Gesellschaft, so waren sich die Experten aus Bildung, Politik, Stiftung und Stadt sowie der Lebenshilfe in der gestrigen Podiumsdiskussion zum Thema einig. „Es ist Aufgabe der Politik, dafür zu werben“, betonte Wissenschafts-Staatssekretär Rolf Fischer. Er sehe gute Möglichkeiten, die Hochschulen und Universitäten – sollten sie nicht freiwillig eine Stelle für die Qualifizierten anbieten – über die sogenannten Zielvereinbarungen mit dem Land dazu zu verpflichten. Lenz hingegen betonte: „Es ist wichtig, dass es freiwillig bleibt, davon lebt das Projekt. Wir sind an Curricula gebunden. Vielleicht ließen sich auch die rechtlichen Hürden minimieren.“ Sie sehe gute Chancen, dass die Menschen mit Behinderungen nach dieser Ausbildung einen qualifizierten Lehrauftrag mit Assistenz annehmen könnten.

Marco Reschat (29) ist einer der sechs Bewerber und hat auch schon bei dem Seminar „Meine Welt“ vor Studenten aus dem Fachbereich Soziale Arbeit gestanden. Warum macht er diese Ausbildung? „Ich habe gemerkt, wie groß das Interesse ist und möchte den Menschen einfach noch viel mehr erzählen, um Ängste und Scheu auch bei anderen mit Handicaps abzubauen.“ Lisa Groll (28) ist blind, auch ihre Ziele klingen so: „Ich möchte das Bewusstsein für Randgruppen öffnen, Hemmschwellen abbauen. Ich bin auch nur ein Mensch, auch wenn ich blind bin.“ Wie schwer es ist, auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Stelle zu bekommen, hat die ausgebildete Bürokauffrau erlebt: Ich kam trotz guter Noten nicht mal bis zum Vorstellungsgespräch, weil sie dachten, sie müssen mir immer noch eine Hilfe an die Seite stellen.“ Neben dem Praxisteil an der FH, werden die Azubis bei der Stiftung Drachensee in Vollzeit von Sara Lemm ausgebildet und qualifiziert. Die 25-Jährige schrieb ihre Masterarbeit im Fach Pädagogik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel genau über diese Lehrpläne und darf sie nun in die Praxis umsetzen.

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erstellt am 21.Jan.2014 | 06:13 Uhr

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