Drogensüchtige Eltern : Meine Mutter, ein Junkie

Nadine M. schreckte auch nicht vor Heroin zurück.
Nadine M. schreckte auch nicht vor Heroin zurück.

Nadine M. war viele Jahre abhängig vom Heroin. Für ihre Töchter bedeutete das eine Kindheit voller Angst, Scham und Schweigen. Heute bekommt die Familie Hilfe in einer Kieler Beratungsstelle.

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01. Juni 2014, 16:24 Uhr

Kiel | Sophie* weiß, warum ihre Mutter manchmal schon tagsüber so müde ist. Warum sie sich oft nicht gut fühlt und jeden Tag Medizin nehmen muss: Ihre Mutter ist krank. Was Heroin ist, weiß die Neunjährige nicht. Auch nicht, dass ihre Mutter viele Jahre lang davon abhängig war und die Droge – neben ihrer Substitution durch Medikamente – heute noch hin und wieder nimmt.

Mit Alkohol, Tabletten und Joints begann die Suchtgeschichte von Nadine M.*. „Mein Vater war weg, meine Mutter Alkoholikerin“, erzählt die 47-jährige Kielerin, Mutter von Sophie und zwei erwachsener Töchtern. Mit 20 wurde sie zum ersten Mal schwanger. „Glücklicherweise“, wie sie sagt. Denn mit der Gründung der eigenen Familie, ihrem Job als Altenpflegerin sei zunächst „alles gut“ geworden. Die Verantwortung für ihre erste Tochter Nina* half ihr, in der Spur zu bleiben. Bis die Ehe zerbrach und ein enger Freund starb. Nadine M. „haute ab“, zog mit ihrem Kind in eine Wohngemeinschaft in Mecklenburg-Vorpommern.

Dort wurde 1990 Melanie* geboren, ihre zweite Tochter. Und von dort startete die junge Mutter an den Wochenenden zum „Party machen“ nach Berlin. Nahm Ecstasy und Kokain. Irgendwann spürte sie die Gefahr, „tiefer reinzurutschen“. 1995 zog die Familie zurück nach Kiel.

Doch der Neustart in der Heimat, geplant als Schlussstrich, misslang. Die Haltlosigkeit blieb, wie auch das Ecstasy, das Nadine M. irgendwann schon zum Frühstück nahm. Ohne die aufputschende Wirkung hätte sie ihre Aushilfsjobs nicht geschafft, erzählt sie. Ihr neuer Lebenspartner konsumierte Heroin – und beschleunigte die Abwärtsspirale. Dass es falsch war, die Droge selbst auszuprobieren, habe sie zwar geahnt, sagt die Kielerin. „Aber richtig bewusst war mir gar nichts in dieser Zeit.“ Und erst recht nicht in den Jahren danach, in denen ihr Leben vor allem um zwei Pole kreiste: Heroin beschaffen und die Sucht geheim halten. Vor ihren Töchtern und der Außenwelt. „Ich hatte Angst, dass man mir die Kinder wegnimmt.“

Melanie war zwölf, als ihre Mutter ihr von der Abhängigkeit erzählte. Körperlich und seelisch „am Ende“, dazu hoch verschuldet, hatte Nadine M. eine Therapie in einer anderen Stadt begonnen – und nach wenigen Wochen wieder abgebrochen. Drogen blieben die feste Bezugsgröße in ihrem Leben. Melanie, die „keine Ahnung“ gehabt hatte, blieb nach der Beichte ihrer Mutter sprachlos und mit ihren Ängsten zurück. Angst, dass ihrer Mutter etwas passiert. Und Angst, dass sie sich prostituiert. Darauf angesprochen habe sie sie aber nie. „Wie soll man seine Mutter fragen, ob sie auf den Strich geht?“

Nadine M. spürte nichts von der seelischen Not ihrer Tochter. Drogen töten Emotionen. „Ich war gefühlskalt“, sagt die schmale Frau mit den langen dunklen Haaren. Und räumt ein, dass ihre Kinder sich um vieles selbst kümmern mussten. „Ich habe versucht, zu funktionieren. Aber heute weiß ich, dass mein Verhalten grenzwertig war.“

Dass Mutter und Ziehvater oft „Party“ bei ihnen zu Hause machten, sie selbst ihre Freizeit vor allem draußen oder bei Freunden verbrachte – für sie sei das „normal“ gewesen, erzählt Melanie, die heute Anfang 20 ist. Ebenso wie der Streit, den es immer wieder gab, wenn Nina die Mutterrolle übernahm, und sie sich von der älteren Schwester nichts sagen lassen wollte.

Normalität in einer Suchtfamilie – für die betroffenen Kinder ist sie extrem belastend, weiß Jan Rademann. Der Sozialpädagoge leitet die Beratungsstelle HiKiDra in Kiel, die sich an Kinder drogenabhängiger Eltern wendet. „Sie müssen damit leben, dass ihre Eltern unzuverlässig und für sie nicht so präsent sind, wie sie es brauchen. Oft ist der Alltag geprägt von Vernachlässigung und Armut.“ Aufräumen, die jüngeren Geschwister in den Kindergarten bringen, ihnen etwas zu essen machen – obwohl sie noch Kinder sind, übernehmen die Mädchen und Jungen notgedrungen viele Aufgaben der Eltern.

Schwer zu verkraften ist auch das Schweigen. Die Sucht wird zu Hause – und erst recht nach außen – tabuisiert. Rademann: „Trotz vieler Enttäuschungen verhalten sich die Kinder loyal gegenüber ihren Eltern und decken sie.“

Wie auch die Töchter von Nadine M., als es nach der abgebrochenen Therapie „Ärger mit dem Jugendamt“ gab. Die Mädchen sollten Auskunft geben, ob sie von der Drogenabhängigkeit der Mutter und ihres Lebensgefährten etwas mitbekämen – sie verneinten. Zu ihnen nach Hause gekommen sei nie jemand von der Behörde, sagt die Mutter.

„Für mich war es schlimm, dass ich in all den Jahren keinen Ansprechpartner hatte“, sagt Melanie im Rückblick. Für ihre kleine Schwester Sophie, mit der sie zusammen mit der Mutter in einer Wohnung lebt, möchte sie darum eine solche Ansprechpartnerin sein. Wie auch die Mitarbeiter bei HiKiDra: Seit vier Jahren kommt Nadine M. mit ihrer jüngsten Tochter in die Beratungsstelle. Die Präventionsgruppe für Grundschulkinder bietet der Neunjährigen einen Rückzugsort außerhalb der Familie, an dem sie sich öffnen kann und Gehör findet mit dem, was sie bewegt. „Wir wollen die Kinder in ihrer schweren Lebenssituation stärken“, sagt Jan Rademann. Geht es um Frust und Enttäuschungen, sprechen die Mädchen und Jungen meist in der dritten Person von sich. „Das Kind von den Nachbarn spielt immer alleine im Hof“, heißt es dann etwa. „Sie benutzen Synonyme, um ihre Eltern zu schützen oder sich von Problemen abzugrenzen“, erklärt Rademann. „Aber sie meinen immer sich selbst.“ Manche wollten einfach nur kuscheln, eine Auszeit erleben.

Die Annäherung an das Thema Drogen geschieht vorsichtig. Das HiKiDra-Team ermöglicht den Kindern einen „seichten Einstieg in das eigene Erleben“. Es wird viel gespielt und gemalt; von Krankheiten und Medikamentenabhängigkeit ist die Rede. „Die Älteren haben dann schon eine Vorstellung davon, was Drogen sind.“ Sie alle sollen in der Gruppe lernen, mit der Sucht der Eltern umzugehen – und begreifen, dass sie nicht – anders als viele glaubten – schuld daran sind. Und sie üben Strategien, wie sie Konflikte anders lösen können als ihre Eltern, um zu verhindern, dass auch sie eines Tages zu Drogen greifen. „Bei diesen Kindern besteht ein stark erhöhtes Risiko“, sagt Jan Rademann.

Sophie war schon süchtig, bevor sie zur Welt kam. Nachdem ihre Mutter die Schwangerschaft festgestellt hatte, war sie auf ein Drogenersatzpräparat umgestiegen. Stück für Stück reduzierte sie die Dosis, um die Entzugserscheinungen des Kindes nach der Geburt gering zu halten. Mit dem Heroin komplett aufzuhören, schaffte Nadine M. nicht.

Schwanger und süchtig: Natürlich habe sie sich für ihr Verhalten, das sie bei anderen Frauen immer verurteilt hatte, geschämt. „Aber ich habe es einfach nicht geschafft.“ Heroin sei für das ungeborene Kind ungefährlicher als Alkohol: Diese Aussage eines Arztes, der sie in der Schwangerschaft untersuchte, sei „schlimm“ für sie gewesen: wie ein Freibrief.

In ihren ersten Lebenswochen bekam Sophie Tabletten, die die Folgen der Drogen- und Medikamentenabstinez lindern. Um einen möglichen Herzstillstand rechtzeitig erkennen zu können, musste sie einen Atem- und Herzfrequenzmesser tragen. Ihre Kleine sei „gut durchgekommen“, sagt Nadine M.. Die Verantwortung für das Baby habe ihr geholfen, nicht abzustürzen. „Ohne meine Töchter wäre ich heute nicht mehr.“

Seit fünf Jahren arbeitet Nadine M. daran, „besser auf sich aufzupassen“. Von Sophies Vater hat sie sich getrennt. Wöchentliche Gespräche mit einer Psychotherapeutin haben ihr geholfen, wieder Gefühle zuzulassen und offen mit ihrer Sucht umzugehen. In der Kieler Fachklinik erzählt sie Schülern vom Leben als Abhängige, aus dem sie den Absprung noch nicht geschafft hat. „Das Suchtgedächtnis holt einen immer wieder ein.“

Melanie, die nach dem Haupt- und Realschulabschluss ihr Abitur gemacht und nun ein Studium begonnen hat, lobt ihre Mutter: „Sie hat zu Hause alles ganz gut im Griff.“ Viel habe sich auch durch den Kontakt zu HiKiDra verändert. „Ich bin froh, dass die Mitarbeiter hinter mir stehen“, sagt Nadine M. Melanie unterstützt ihre Mutter trotzdem noch hin und wieder bei der Sorge um ihre kleine Schwester, holt sie von der Schule ab, spricht mit Sophies Vater, wenn er das Mädchen am Wochenende bei sich hat. „Ich versuche, eine schützende Hand über meine Schwester zu halten.“

* Namen von der Redaktion geändert.

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