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Kieler AStA warnt : Mehr Studenten psychisch unter Druck

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der AStA der Kieler Universität schlägt Alarm: Der Medikamenten- und Drogenmissbrauch unter den Studenten wächst. Auch die Suizide in Wohnheimen nehmen zu.

Kiel | Die Studentin, die gerade aus dem Beratungsgespräch im „Kieler Fenster“ gekommen ist, leidet unter einer Angststörung. Einer besonderen Form davon, der Emetophobie. Was das bedeutet, erklärt der Berater der ambulanten Einrichtung geradeheraus: „Übelkeit – Kotzangst“.

So wie diese Studentin suchen immer häufiger Studierende in Kiel Hilfe, weil sie psychische Probleme haben, sich überfordert fühlen. Angststörungen sind dem Berater zufolge oft darunter, gerade vor Prüfungsphasen. Auch Anpassungsstörungen, Depressionen, Burn-Out kommen vor. Studierende klagen dann über Nervosität, Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Oder sie leiden unter Symptomen wie Panikattacken, Herzrasen, Weinkrämpfen. Fristen für die Abgabe von Hausarbeiten werden verschoben – bis irgendwann die Exmatrikulation droht.

Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) schlägt jetzt Alarm. Viele Studenten seien gestresst, erschöpft, stünden immer mehr unter Zeit- und Leistungsdruck. Seit der Umstellung des Systems auf Bachelor „werden sie nur noch durchs Studium gepeitscht“, sagt die AStA-Vorsitzende Sophia Schiebe (24), selbst Lehramtsstudentin für Geschichte: „Es geht darum zu funktionieren, es werden keine Schwächen zugelassen.“ Eine 60-Stunden-Woche mit Vorbereitungszeit sei mittlerweile normal. „Bis zwölf Uhr schlafende Studenten – das ist halt nicht mehr.“ Eine Entpersonalisierung an der Uni verstärke den Leidensdruck: „Man ist für viele Dozenten nur noch eine Nummer.“

Verschärfte Studienbedingungen, die drastische Folgen haben können: Wer nicht tough genug ist, der versucht den Druck durch Medikamenten- und Drogen-Konsum zu kompensieren, sagt Sophia Schiebe. Die Beratungsbroschüren zum Pillenmissbrauch seien immer sofort vergriffen. „Amphetamine stehen einer Studie der Techniker Krankenkasse zufolge an erster Stelle, die putschen auf“. An zweiter Stelle stehe Kokain. Auch die höchst süchtig machende Droge Crystal Meth werde konsumiert – eine Person werde derzeit in Kiel beraten, die Crystal Meth nehme. Suizide in Kieler Wohnheimen hätten zudem zugenommen. Auch wenn es dazu wegen polizeilicher Nachrichtensperren keine Statistik gibt – von „mindestens drei“ ihr bekannten Fällen in Kiel berichtet Sophia Schiebe im vergangenen Wintersemester. „Das sind Zahlen, die man für jedes Semester annehmen kann“, sagt sie. Das Studentenwerk Schleswig-Holstein hat bereits Konsequenzen gezogen, das Verwaltungs-Personal „wegen akuten Bedarfs“ im Umgang mit Angehörigen geschult.

Weil die Nachfrage nach psychologischer Beratung weiter steige, könne „insbesondere vor und in Prüfungszeiten die Wartezeit auf ein erstes Gespräch des Studentenwerks hier in Kiel leider bis zu sechs Wochen betragen“, berichtet Marie-Therese Bockhorst, Psychotherapeutin des Studentenwerks. In Lübeck und Flensburg sei die Wartezeit meist geringer und liege bei bis zu drei Wochen. In Kiel soll daher Bockhorst zufolge langfristig die psychologische Unterstützung verstärkt werden, verbunden mit einem Stellenausbau.

Auch das „Kieler Fenster“ betreut laut Geschäftsführerin Giesela Riederle regelmäßig Studenten. „Der AStA schickt immer mal wieder Studenten zu uns in die Beratung.“ Manche melden sich auch online. Einer der Psychologen der Beratungsstelle des Ambulanten Zentrums erklärt, es überrasche ihn häufig, „wie wenig Studenten informiert sind und wie hilflos sie wirken, obwohl man ja meinen könnte, sie können sich aufgrund ihrer kognitiven Fähigkeiten Hilfen besser erschließen.“

Sophia Schiebe und die sozialpolitische Referentin und Philosophie-Studentin Simone Weigel (26) vom Kieler AStA entwickeln derzeit eine Kampagne, um für das Tabuthema zu sensibilisieren. „Das Thema ist schon lange am köcheln und wird schlimmer, aber niemand traut sich das anzupacken“, sagen Schiebe und ihre Mitstreiterin Weigel. Das Uni-Präsidium und das Kieler Wissenschaftsministerium unterstützen die Initiative. CAU-Vizepräsidentin Prof. Anja Pistor-Hatam: „Wir sehen mit Sorge den steigenden Bedarf an psychologischer Hilfe und Suchtberatung bei unseren Studierenden. Um unserer Fürsorgepflicht gerecht zu werden, werden wir gemeinsam mit dem Studentenwerk und dem AStA versuchen, bestehende Angebote zu erhalten und auszubauen. Ich führe bereits Gespräche in diesem Sinne.“

Die Landesregierung zieht mit. Wissenschaftsstaatssekretär Rolf Fischer sagt zu der AStA-Kampagne und zur Unterstützung des Bildungsministeriums: „Studierende in Krisensituationen zu unterstützen gehört zur Chancengleichheit im Studium. Eine Hochschule ist keine ‚Lernfabrik‘, sie ist immer auch ein soziales Gefüge.“

Beratung – die Nachfrage steigt:

In den letzten sieben Jahren hat sich die Zahl der  Hilfe suchenden Studierenden in der psychologischen Beratungsstelle des Studentenwerks in Kiel verdoppelt: Gab es 2006 noch 204 Anmeldungen, waren es 2012 schon 446 und 2013 knapp 400 Studierende, die mindestens einen Gesprächstermin vereinbart haben. Im ersten Halbjahr 2014 haben sich in Kiel bereits etwa 225 Studierende angemeldet. Jeder vierte schließt die Gespräche mit einer Psychotherapie-Empfehlung ab, vor fünf Jahren war es noch jeder dritte.

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erstellt am 02.Aug.2014 | 12:25 Uhr

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