Laola-Wellen gegen Mauern in Europa

Zum dritten Mal plädierte gestern die Initiative „Pulse of Europe“ für mehr Einigkeit / 800 Menschen versammelten sich vor dem Rathaus

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27. März 2017, 16:59 Uhr

Zuerst waren es 100, beim zweiten Mal 200 und gestern versammelten sich schon 800 Menschen mit Europa-Fähnchen und blauen Luftballons auf dem Kieler Rathausplatz, um sich der Bewegung „Pulse of Europe“ („POE“) anzuschließen. Seit drei Wochen organisieren Prof. Dr. Christian Kaernbach und Prof. Dr. Sebastian Hess gemeinsam mit 15 Freiwilligen die friedlichen Sonntagsdemos von 14 bis 15 Uhr. Dabei verkünden die „POE“-Initiatoren und ihr Team auf einer kleinen Bühne die zehn Grundsätze der europaweiten Bewegung. Dazu gehören „Europa darf nicht scheitern“ und „Der Friede steht auf dem Spiel“ ebenso wie „Misstrauen ernst nehmen“ und „Vielfalt und Gemeinsames“. Außerdem erhalten Bürger die Möglichkeit, selbst zu Wort zu kommen. So rief etwa Ingo aus Kiel den Versammelten mit Blick auf aktuelle Wahlplakate zu: „Wollen allein reicht nicht, man muss auch können – das ist schon richtig, aber können allein reicht auch nicht, man muss auch was tun.“ Auch Leif Hansen aus Schleswig nutzte das „offene Mikrophon“: „Wir sind Europäer und ich möchte das ein Leben lang mit Stolz sagen können.“

Mit Liedzettel oder aus dem Kopf sangen die Versammelten vor dem Rathaus die Europahymne „Freude schöner Götterfunken“ zu den Klängen der von Mit-Initiator Kaernbach gespielten Mundharmonika. Eine Menschenkette um den gesamten Rathaus-Platz inklusive Laola-Welle bildete den Abschluss der Pro-Europa-Demonstration. „Es ist eine großartige Initiative“, sagte Gianluca Grimalda in englischer Sprache. Über Facebook habe der Kieler Wissenschaftler von „Pulse of Europe“ erfahren, gestern war er zum ersten Mal dabei. „Ich möchte sehr gern mitmachen“, erklärte der seit drei Jahren in Deutschland lebende Italiener. Das grenzenlose Europa sei eine der großartigsten Errungenschaften, befindet Grimalda. „Wir haben eine gemeinsame Aufgabe“, verwies er am Beispiel von Flüchtlingspolitik und Terrorismus auf die aktuelle europäische Agenda.

„Ich hatte mich schon seit Monaten darüber geärgert, dass es Menschen gibt, die versuchen, Europa kleinzureden“, erklärt Sebastian Hess seine Beweggründe für die Organisation einer Kieler „Pulse of Europe“-Bewegung. Als guter Bekannter von „POE“-Gründer Daniel Röder aus Frankfurt vernetzte sich Hess mit diesem und trommelte in Kiel das erste Treffen zusammen. Sieben Jahre lang lebte Hess in Schweden, erzählt er. „Unsere Kinder sind in Schweden geboren und in Deutschland getauft, ich habe in Schweden gearbeitet, wir konnten uns problemlos zwischen den Ländern bewegen.“ Der europäische Arbeitsmarkt sei mit all seinen Möglichkeiten eine Riesenchance für jeden, so Hess. „Pulse of Europe“ richte sich gegen das wachsende nationalistische Bewusstsein europäischer Staaten wie Frankreich, den Niederlanden, Österreich oder auch Deutschland, ebenso wie gegen „Politiker, die alles Europa in die Schuhe schieben, um vom eigenen Versagen abzulenken“, erklärt Sebastian Hess.

„Pulse of Europe“ veranstaltet die Sonntagsdemos vorerst noch bis zur Präsidentschaftswahl in Frankreich (23. April). Was danach ist, werde man dann sehen, sagt Sebastian Hess. An den Flohmarkt-Sonntagen (wie etwa nächstes Wochenende) wird die Veranstaltung übrigens auf den Bahnhofsvorplatz verlegt. Nach der gestrigen Demo meldete sich Gianluca Grimalda sofort als freiwilliger „POE“-Helfer – für den „communitarian spirit“, den gemeinschaftlichen Geist, sagte er lächelnd.

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