MRNG-Keime im UKSH : Krankenhauskeime in Kiel: Streit um die Hygiene

Ein gegen Antibiotika resistenter Keim hat sich im Universitätskrankenhaus in Kiel ausgebreitet.
Ein gegen Antibiotika resistenter Keim hat sich im Universitätskrankenhaus in Kiel ausgebreitet.

Experten aus Frankfurt kämpfen gegen die Kieler Keime. Kritiker stellen unbequeme Fragen: Lag es am Personalmangel?

shz.de von
26. Januar 2015, 11:33 Uhr

Kiel | Mit Hilfe von Fachleuten aus Frankfurt am Main hat das Universitätsklinikum in Kiel den Kampf gegen einen gefährlichen multiresistenten Keim fortgesetzt. Die beiden Spezialisten für den MRGN-Keim, gegen den vier Antibiotika-Gruppen wirkungslos sind, nahmen am Sonntagabend die Arbeit auf. Sie sind Spezialisten auf dem Gebiet des betreffenden Keims vom Typ „Acinetobacter baumannii“.

Die Gewerkschaft Verdi warf dem Klinikum unterdessen Hygieneverstöße infolge von Personalmangel vor. Der Krankenhausgesellschaft liegen dagegen keine Hinweise auf Hygienefehler oder andere Defizite in diesem Bereich vor. Der Bundesgesundheitsminister will die Meldepflicht verschärfen.

Am Wochenende war bekanntgeworden, dass elf in dem Kieler Klinikum gestorbene Patienten zusätzlich zu ihren teils schweren Erkrankungen auch den Keim  „Acinetobacter baumannii“ trugen. Bei neun von ihnen sei das Bakterium mittlerweile eindeutig als Todesursache ausgeschlossen worden. Bei zwei 87 und 70 Jahre alten Patienten konnte die Todesursache nicht zweifelsfrei geklärt werden. Mit Stand Samstagabend wurden an der Klinik 27 Patienten positiv auf das gegen fast alle Antibiotika resistente Bakterium getestet. Sie sind zwischen 27 und 88 Jahre alt. Nicht alle von ihnen sind daran erkrankt.

Welche Schritte die Fachleute am Montag unternehmen, konnte ein UKSH-Sprecher zunächst nicht sagen. Er verwies auf die Pressekonferenz am späten Nachmittag. Dann soll über den neuesten Sachstand im Falle des Ausbruchs eines sogenannten MRGN-Keimes informiert werden.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) brachte eine Verschärfung der Meldepflichten auf den Weg. Damit sollen derartige resistente Erreger nicht erst bei Krankheitsausbruch, sondern beim ersten Nachweis des Erregers gemeldet werden. Die Verordnung soll im Sommer in Kraft treten. „Der Kieler Fall muss auch Anlass sein erneut zu prüfen, inwieweit das Screening angepasst werden muss“, erklärte Gröhe. Es sollen Verfahren erprobt werden, mit denen Patienten schon vor Klinikaufenthalten auf gefährliche Keime untersucht werden.

Fraglich ist, ob die Ausbreitung in der Klinik hätte verhindert werden können. Klinikleitung, die Gesundheitsbehörde der Stadt Kiel und das Gesundheitsministerium versichern jedenfalls: Das UKSH hat rechtzeitig die Behörden informiert und fachlich alles richtig gemacht. Dazu gehören Isolierungs-, Vorsorge- und Hygienemaßnahmen. Das Gesundheitsamt wurde am 24. Dezember informiert, zu dem Zeitpunkt waren vier Patienten mit dem Keim infiziert. Das Ministerium erfährt von den Problemen erst am 23. Januar, dem Tag der ersten Pressemitteilung. Es sei aber auch nicht Teil der Meldekette, sagt dessen Staatssekretär Rolf Fischer. Die Staatsanwaltschaft überprüft die Vorgänge in der Klinik derzeit.

Aus Sicht der Gewerkschaft Verdi sind die tragischen Umstände in Kiel nicht so überraschend, wie es die Klinikleitung darstelle. 2013 seien vom Pflegepersonal 1864 sogenannte Gefährdungsanzeigen aus der Pflege gestellt worden. Das seien bundesweite Spitzenwerte. In Kiel seien die meisten Anzeigen aus den Intensivstationen der 1. Medizin gekommen. „Das sind genau jene Stationen, von denen die Verschleppung des multiresistenten Bakteriums ihren Ausgang genommen hat“, sagte Verdi-Gesundheitsexperte Steffen Kühhirt.

Auf Personalversammlungen, zuletzt am 12. Januar, sei auf eine dramatische Arbeitsverdichtung gerade auf den betroffenen Stationen hingewiesen worden. „Wenn Keime übertragen werden, sind die hygienischen Vorschriften nicht eingehalten worden“, sagte Kühhirt. Personal- und Zeitmangel führten zu Verstößen gegen Hygiene- Vorschriften. Sie seien Vorstand und Pflegemanagement durch unzählige Anzeigen von Pflegekräften lange bekannt gewesen. Diese seien aber ignoriert und alles dem Sparkurs untergeordnet worden.

Auch der Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Hygieniker, Klaus-Dieter Zastrow sprach von Hygienemängeln als Ursache. „Wie soll sich so ein Keim sonst weiterverbreiten?“

Schleswig-Holsteins Krankenhausgesellschaft hat dagegen keine Hinweise auf Hygienefehler oder andere Defizite in diesem Bereich am Klinikum. „So etwas habe ich bisher nicht vernommen, auch nicht aus anderen Kliniken im Land“, sagte Geschäftsführer Bernd Krämer. Nach früheren Vorfällen in anderen Ländern seien die Kliniken sehr sensibilisiert für den Bereich Hygiene. „Das Bewusstsein ist geschärft.“ Seit Herbst 2011 gilt im Norden eine Infektionspräventionsverordnung, die auch strikte Anforderungen an das Fachpersonal festlegt. „Ich gehe davon aus, dass gerade das UKSH die Anforderungen auch erfüllt“, sagte Krämer.

Alle Kliniken müssten finanziellen Druck ertragen. „Sie haben aber ein sehr hohes Bewusstsein und sind gesetzlich dazu verpflichtet, in diesen Hochrisikobereichen entsprechendes Personal vorzubehalten - das muss dann irgendwo anders abgezwackt werden.“ Verdi forderte sofortige Konsequenzen. Der Sparkurs müsse beendet werden, der geplante Personalabbau sei unverantwortlich, das Klinikum brauche mehr qualifiziertes Personal. Das gelte nicht nur für die Pflege, sondern auch für Reinigungspersonal. In Intensivstationen stünden aus wirtschaftlichen Gründen Betten viel zu nah beieinander oder zu viele Betten in zu kleinen Räumen. Bei unter zwei Metern Abstand sei eine Übertragung von Keimen nicht auszuschließen.

Die Kieler Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD) sagte, oberste Priorität hätten jetzt die Bekämpfung des Keims sowie die Information von Patienten und Angehörigen. „Im Anschluss steht eine Aufarbeitung im Fokus. Dazu gehört auch die Frage, ob und wie wir in Deutschland beim Patienten-Screening Verbesserungen erzielen können.“

Schleswig-Holsteins Patienten-Ombudsmann Peter Harry Carstensen hat die Leitung des Universitätsklinikums aufgefordert, Vertrauen wiederherzustellen, das durch die Ausbreitung des multiresistenten Keims geschwunden sei. „Es hat mich schon gewundert, wie spät die Öffentlichkeit informiert worden ist“, sagte der frühere Ministerpräsident am Rande des Neujahrsempfangs der FDP am Montag in Kiel.

Er sei kein Fachmann, sagte Carstensen, aber er sei überzeugt, dass die Spezialisten des Klinikums und die hinzugerufenen Frankfurter Fachleute die Situation schnell wieder in den Griff bekommen werden.

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