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Familienbesuch : Kleine Frau mit großem Mut

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Besuch bei Bente Petersens Familie in Kiel: Sie und ihre Tochter sind kleinwüchsig, ihr Mann nicht. Über die Herausforderungen des Alltags haben sie sich mit uns unterhalten. Fazit: Sie arrangieren sich in der Welt der „Großen“ und – die Vorurteile sind das Problem.

shz.de von
erstellt am 19.Apr.2014 | 03:38 Uhr

Man muss nicht groß sein, um groß zu sein. Nicht auf die Größe kommt es an, sondern auf die inneren Werte. Sprüche, die Menschen wie Bente Petersen (36) zuhauf kennen. Und sie hat gelernt, damit umzugehen. Sie fällt aus dem Rahmen unserer genormten Gesellschaft und hat sich gerade deshalb umso besser darin arrangiert. Bente Petersen ist 1,29 Meter groß – nicht klein. Sie ist kleinwüchsig, und unter den kleinen Menschen eine Große.

Rund 100 000 Kleinwüchsige gibt es bundesweit, etwa 700 sind in Norddeutschland im Verband organisiert. Aber nur 16 Menschen deutschlandweit haben genau ihre Erkrankung. Die Folge: Es forscht keiner, welche Langzeitfolgen die Methaphysäre Displasie Typ Schmidt (so der Name der Erkrankung) hat. Fest steht: Kleinwüchsige haben Probleme mit einem Hohlkreuz, den Knie- und Hüftgelenken. „Laufen zählt nicht gerade zu unseren Hobbys“, scherzt sie. Dabei würde ihr Mann Stefan so gern im nahen Domänental am Rand von Kiel lange Spaziergänge mit ihr unternehmen, doch sie fährt mit dem Quad nebenher. Etwas, womit sie sich arrangiert haben. Genauso wie mit den Blicken und Sprüchen. Ein Beispiel: „Wir standen abends an der Hotelbar, ein adrettes Ehepaar um die 60 kommt herein und er sagt laut: ‚Guck mal, ein echter Zwerg an der Bar.‘“ Die Reaktion von Bente Petersen: „Na dann gib’ auch mal einen Cocktail aus und dann kannst du dich mit einem echten Zwerg unterhalten.“ Außerdem bekomme sie immer mal wieder ernstgemeinte Anfragen, ob sie nicht für die Firmenweihnachtsfeier großer Unternehmen den Witze- und Geschenkezwerg geben könnte. Bente Petersen will, wie alle kleinen Menschen, kein Zwerg sein, auch kein Liliputaner. Aber sie hat gelernt, damit umzugehen, dass ihr andere die Worte immer wieder an den Kopf knallen. Wie? „Meine Mama hat ganz viel Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen in mich reingepackt und mir immer zu verstehen gegeben, dass ich gut so bin, wie ich bin“, erzählt die 36-Jährige.

Ihre Freunde in der Clique seien immer die größten gewesen und sie habe zu allem immer ihren Senf dazugegeben. „Dafür ist Bente bekannt, nicht wegen ihrer Größe“, sagt ihr Mann. Er ist 1,70 Meter groß. Kennengelernt haben sich beide vor 20 Jahren, im Alter von 16. Er – der Spießer vom Gymnasium, sie – die Hauptschülerin, die den Spießer dann irgendwann doch ganz nett fand, wie sie rückblickend erzählen. Für ihn sei ihre Körpergröße nie entscheidend gewesen.

Heute ist sie selber Mutter – und weiß, wie wichtig es ist, das gleiche für ihre Tochter zu tun. Denn die zehnjährige Lana hat ihre Krankheit geerbt, ist mit 1,15 Meter rund eineinhalb Köpfe kleiner als ihre Klassenkameraden. Ihr schlimmstes Erlebnis: „Eigentlich höre ich immer nur Sprüche, aber sie haben mich auch schon mal verprügelt und getreten.“ Doch die Schule, so erzählt Bente Petersen, sei mit der Situation super umgegangen. Lana ist danach mit ihrer Lehrerin von Klasse zu Klasse, wurde vorgestellt und die Schüler konnten fragen, was sie wollten, um die Hemmschwelle zu nehmen. „Uns kann man wirklich alles fragen und Sie glauben gar nicht, was es für Vorurteile gibt“, sagt Petersen. Das krasseste: „Kleinwüchsige sind auch geistig behindert.“ Auch, denn Kleinwuchs gilt als Behinderung. Bente Petersen ist laut Ausweis 80 Prozent schwerbehindert, ihre Tochter zu 60 Prozent. Sie hoffen, dass ihr ungeborenes Kind den Gendefekt nicht geerbt hat – die Chance der Weitergabe liegt bei 50 Prozent. Zusätzliche Untersuchungen wollen sie, da ist sich das Paar einig, nicht machen lassen. Bente Petersen: „Es würde an unserer Entscheidung für das Kind nichts ändern.“ Sie weiß, dass es andere betroffene Eltern gibt, die diese Entscheidung nicht verstehen können. „Aber warum sollen wir nicht auch Eltern sein dürfen?“, fragt sie dann.

Lana lebt seit zehn Jahren mit dem Kleinwuchs und will gar nicht anders sein. „Ich komme beim Verstecken und Tickern in die kleinsten und hintersten Winkel, wo mich keiner vermutet und niemand an mich heran kommt“, sagt sie mit einem fröhlichen Gesicht. Verlängert werden will sie nicht. „Das würde nur noch eine Operation mehr bedeuten“, sagt sie. Davon hat sie erstmal genug, denn vor kurzem wurde die erste Hüfte operiert, die zweite ist geplant und das Metall muss auch irgendwann wieder heraus. Grund für die OP: „Die O-Bein-Hüfte war so stark ausgeprägt, dass die Gefahr des Wegbrechens bestand.“ Zweimal pro Woche muss sie zur Krankengymnastik – eigentlich seit ihrem ersten Lebensjahr.

Welche Probleme haben kleine Menschen im Alltag? Viele. „Beim Einkaufen muss ich fragen, wenn ich etwas aus den oberen Regalen oder der Tiefkühltruhe brauche. Normale Wagen kann ich nicht benutzen, deshalb habe ich immer einen Trolley mit. Bei Geld- und Fahrkartenautomaten kann ich nichts auf den Bildschirmen erkennen und unser Auto haben wir uns teuer umbauen lassen“, erzählt sie. Zuhause ist alles entsprechend eingerichtet: Die Bilder hängen etwas tiefer, der große Spiegel im Flur reicht bis zum Boden, das Waschbecken im Bad ist absenkbar, die Küche hat einen erhöhten Fußboden und in jedem Raum ist ein Tritt, der es Mutter und Tochter ermöglicht, an die oberen Sachen zu kommen. Und auch beruflich hat Bente Petersen keine Probleme, im Gegenteil: „Als Erzieherin bin ich bin fast immer auf Augenhöhe mit den Kindern.“

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