Integrationsbericht : Kiels wohl hübschester Beitrag zur Integration

Vanessa-Zoe Vitsilakis  verantwortet im Kieler Woche-Büro  den Internationalen Markt.
Vanessa-Zoe Vitsilakis verantwortet im Kieler Woche-Büro den Internationalen Markt.

Kommunikativ, offen, multikulti: Vanessa-Zoe Vitsilakis gehört zu den neun Prozent der Kieler Verwaltungsmitarbeiter mit Migrationshintergrund. Die Stadt Kiel soll diesen Anteil an Angestellten weiter ausbauen.

shz.de von
11. Juni 2014, 06:00 Uhr

Kiel | Die Landeshauptstadt beschäftigt zu wenige Mitarbeiter mit Migrationshintergrund. Das ist das Ergebnis des aktuellsten Integrationsberichts. Demzufolge soll sich die Verwaltung mit ihren rund 4500 Mitarbeitern darum bemühen, mehr Kräfte mit beispielsweise türkischen oder polnischen Wurzeln einzustellen – um deren Anteil an der Kieler Bevölkerung entsprechend zu repräsentieren. Das ist auch Ziel der Verwaltung, sie nennt es Kieler Handlungsempfehlungen zur Integration. Denn nur neun Prozent der Beschäftigten haben einen Migrationshintergrund, in der Kieler Bevölkerung macht deren Anteil jedoch 19 Prozent aus, fast ein Fünftel.

Wie viele Kieler Wurzeln auf der griechischen Urlaubs-Insel Kreta haben, ist nicht bekannt. Doch eine von ihnen ist Beamtin der Landeshauptstadt: Vanessa-Zoe Vitsilakis, 27 Jahre jung. Mutter: Deutsch. Vater: Griechisch. Geburtsort: Kreta. Muttersprache: Griechisch. Aber wer sie sprechen hört, vernimmt lupenreines Hochdeutsch. Nicht mal ein Kieler Slang mischt sich darunter. Vanessa-Zoe Vitsilakis hat beide Staatsbürgerschaften, lebt seit ihrer frühesten Kindheit an der Küste, hat nach dem Abitur von 2006 bis 2009 ein duales Studium zur Diplom-Verwaltungswirtin bei der Stadt absolviert. Mit ihrer Geschichte möchte andere junge Migranten motivieren, sich ebenfalls zu bewerben. Denn die Chancen stehen gut – die entsprechende Eignung vorausgesetzt. „Ich habe mich beworben und hatte sofort Erfolg“, sagt Vanessa-Zoe Vitsilakis und schickt ein strahlendes Lächeln hinterher. Ein Abitur mit gutem Noten-Durchschnitt war das Sprungbrett. Das Personal- und Organisationsamt der Stadt will ebenfalls aktiv werden und stärker an Schulen, auf Jobbörsen und im Internet über Karriere-Chancen in der Stadtverwaltung informieren.

Vitsilakis arbeitet im Kieler Woche-Büro, seit kurzem als Ansprechpartnerin für den Internationalen Markt – der Plattform für die lockere Völkerverständigung schlechthin. 33 Nationen auf dem Servierteller, eine von ihnen Griechenland. Veranstaltungen organisieren, das ist ihr Ding, sagt Vanessa-Zoe Vitsilakis – weniger das reine Jonglieren mit Zahlen. In ihrer ersten Dienststelle im Sozialamt gefiel es ihr wohl auch deswegen nicht so gut. „Nun habe ich bei der Stadt meine Nische gefunden.“ Mit ihrer kommunikativen, offenen Art baut die Kielerin schnell Netzwerke auf. Eindeutig der Einfluss ihres griechischen Vaters, findet sie. Auch diese Neigung, unkonventionelle Lösungen auf kurzem Dienstweg zu finden – eher undeutsch. Damit entspricht die junge Beamtin wohl nicht ganz dem Klischee des trockenen Verwaltungs-Typus, der Dienst nach Handbuch macht: „Ich sehe das als meine Stärke an und glaube, beide Seiten profitieren davon“, sagt Vanessa-Zoe Vitsilakis selbstbewusst.

Den deutsch-griechischen Spagat meistert die Blondine mit den blitzblauen Augen auch im Alltag. „Meine deutschen Freunde sagen, ich bin die Griechin“, erzählt Vitsilakis, „aber in Griechenland bin ich die kapitalistische Deutsche.“ Was sie damit sagen will: Ihr Vater betreibt auf der Insel einen Einzelhandel – „und wenn ich da bin, räume ich immer erst mal auf“. Sie stelle Fragen: „Wo sind die Belege, wo die Rücklagen?“ – eine wohl als typisch deutsch geltende Mentalität. „In unserer Verwaltung muss schließlich jede Anschaffung gerechtfertigt werden, weil es Steuermittel sind“, erklärt sie. In Griechenland sei die Denke anders. Gerade jedoch seit der Krise der Hellenen würden die Deutschen ernster genommen: „Die Griechen haben sehr großen Respekt“, meint Vanessa-Zoe Vitsilakis, um schnell hinzuzufügen: „Aber mit einem gewissen Lächeln, denn sie sind sehr stolz. Das habe ich geerbt. Hilfe annehmen – das ist für sie nicht ganz einfach.“ Dass der deutsch-griechische Spagat auch zur Zerreißprobe werden kann, hat die junge Kielerin ebenfalls erfahren. Ihr Vater ging zurück in seine Heimat. „Er ist mit der deutschen Mentalität nicht mehr klargekommen.“

Auch Vitsilakis kennt Nachteile. Als Frau mit ausländischem Namen müsse sie oft erst einmal beweisen, dass sie dasselbe kann, sagt sie. Einmal irritiert sie ein Anrufer. Er kommentiert ihren ungewöhnlichen Namen. Sie sagt: Der ist aus Griechenland. Da bin ich geboren.“ Er sagt: „Das tut mir leid.“ Meistens erhalte sie aber positive Resonanz. Der Bürgermeister des Ortes Chania auf Kreta zum Beispiel hat hat ihr einen Job angeboten. Sie lehnte ab: „Ich konnte mir nicht vorstellen, zurückzugehen. Ich weiß die Vorteile des deutschen Systems sehr zu schätzen.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert