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Kiel: Elf Freunde : Kiels Städtepartnerschaften auf Eis gelegt?

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Stadtpräsident Hans-Werner Tovar besprach gestern mit Auszubildenden des RBZ die Rolle der Landeshauptstadt in nationalen Konflikten.

shz.de von
erstellt am 06.Sep.2017 | 19:53 Uhr

Eigentlich sollte Hans-Werner Tovar „nur“ eine Ausstellung zu den Partnerstädten Kiels im Regionalen Berufsbildungszentrum Technik (RBZ) eröffnen. Dass er sich schließlich in einer hitzigen Diskussion mit den jungen Auszubildenden über die Verantwortung der Kommunalpolitik in Zeiten außenpolitischer Differenzen behaupten muss, das war Kiels Stadtpräsidenten vorher wohl nicht klar.

Unter dem Thema „Brücken bauen: Zusammen finden – zusammen wachsen“ stellt das RBZ Technik in seinem Foyer in den kommenden Monaten die zehn Partnerstädte und eine Partnerregion der Landeshauptstadt Kiel vor. „Jede Partnerschaft hat ihre eigene Geschichte“, sagte Hans-Werner Tovar in seinem Grußwort an die Technik-Azubis. „Sie ist immer auch Völkerverständigung“, betonte der Stadtpräsident. So habe Kiel nach dem 2. Weltkrieg als Zeichen der Aussöhnung bei der Wahl der Partnerstädte ganz bewusst auf die ehemaligen Kriegsgegner gesetzt: Das französische Brest und Coventry (Großbritannien) gingen Mitte der 60er-Jahre den Bund mit Kiel ein. In Zeiten des Ost-West-Konflikts etwa kamen 1986 bis 1992 Gdynia (Polen), Tallinn (Estland) und die russischen Städte Kaliningrad und Sovetsk zum Kieler Freundeskreis hinzu. Gemeinsam mit Stralsund (1987) habe man dann „die Grenzen zwischen Ost und West auf deutsch-deutscher Seite überwinden“ wollen, so Tovar. Mit Samsun und Hatay habe sich Kiel vor fünf Jahren zur Türkei hin öffnen wollen, erklärte er. Denn: „Wir müssen die Völkerverständigung pflegen, wenn sich die Großen streiten.“ Neben dem dänischen Aarhus stehe die Landeshauptstadt aktuell auch mit der chinesischen Metropole Hangzhou in Verhandlungen über eine mögliche Partnerschaft, berichtete Tovar.

Zuhörer Julian Bode interessierte, ob und wie sich nationale Konflikte, etwa mit der Türkei oder Russland, auf die Städtebeziehungen auswirkten. „Wir hatten einen guten Kontakt zum türkischen Samsun, auch gemeinsame Projekte geplant, aber zur Zeit herrscht Funkstille“, antwortete Tovar. „Vorbildlich“ dagegen sei Hatay: „Das Interesse ist nach wie vor da und es finden regelmäßig Gespräche statt.“ Aber auch das Verhältnis zu Kaliningrad sei auf russischer Seite merklich abgekühlt. Eine „tolle Partnerschaft“ existiere dagegen mit dem deutlich kleineren Sovetsk – „Vielleicht steht es nicht so sehr unter der Beobachtung Moskaus“, so die Mutmaßung Tovars.

Warum China, warum nicht eine weitere afrikanische Stadt neben Moshi Rural durch partnerschaftliche Beziehungen unterstützen? „Ich sehe das auch kritisch“, entgegnete Tovar. Fluchtgründe müssten beseitigt werden, denn „die Bundesrepublik hat in den letzten 50 Jahren zu wenig oder das Falsche getan.“ Die Städtepartnerschaft mit dem tansanischen Moshi Rural sei ein guter Anfang. Trotzdem gehe der Trend eher zum Austausch von Wirtschaftsbeziehungen. Der empörte Einwurf aus dem Publikum folgte prompt: „Aber Globalisierung kann man doch nicht nur wirtschaftlich sehen.“ Und Julian Bode fügte hinzu: „Und warum hört man immer nur das Schlechte, wenn es auf kommunaler Ebene doch offenbar Beziehungen gibt, die gut funktionieren?“ Der 22-Jährige empfindet einseitige Berichterstattungen zu Türkei- oder Russland-Konflikt sogar zum Teil als Form des Anstachelns. „Kiel allein hat vielleicht nicht so eine große Wirkung, aber wenn alle Landeshauptstädte versuchen würden, diese Städtebeziehungen zu erhalten, würde es funktionieren.“ Hans-Werner Tovar stimmte Julian Bode zu: „Wir können über die kommunale Außenpolitik der Stachel im Fleisch der Großen sein.“ Der Stadtpräsident zeigte sich durchaus zufrieden über die lebhafte Diskussion mit den 18- bis 23-Jährigen.

Die Ausstellung „Brücken bauen: Zusammen finden – zusammen wachsen“ ist im Foyer des RBZ Technik, Geschwister-Scholl-Straße 9, noch bis Weihnachten montags bis freitags 7 bis 16 Uhr zugänglich.

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