Mord an Prostituierter aus Niedersachsen : Kielerin deckt Justizirrtum auf

In diesem Wohnwagen wurde die 40-jährige ungarische Prostituierte getötet.
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In diesem Wohnwagen wurde die 40-jährige ungarische Prostituierte getötet.

Die 39-Jährige klärt mit ihren Hinweisen den Mord an einer Prostituierten auf. Der unschuldig Angeklagte kommt frei.

shz.de von
21. Dezember 2017, 20:33 Uhr

Kiel/Hildesheim | Der Prozess um eine getötete 40-jährige Prostituierte im Landkreis Peine (Niedersachsen) hätte auch anders ausgehen können – zumindest für einen 45-jährigen Ingenieur. Als vermeintlich letzter Kunde in dem Lovemobil an der B 494 hatte er sich den Ermittlern als Zeuge zur Verfügung gestellt und geriet selbst unter Tatverdacht. Als Angeklagter beteuerte er immer wieder seine Unschuld.

Doch die Ermittlungsergebnisse der Polizei sprachen gegen ihn. 176 Tage – knapp sechs Monate lang – hatte der Mann in Untersuchungshaft gesessen. Die Wende in diesem Verfahren vor dem Landgericht Hildesheim brachten anonyme Schreiben an die Polizei, in denen der Name des mutmaßlich wahren Täters genannt wurde. Als Verfasserin der Briefe wurde eine 39-jährige Kielerin identifiziert. Ihre Aussagen retteten den Ingenieur, der wegen erwiesener Unschuld freigesprochen wurde und deckten einen Justizirrtum auf.

„Mit dem Wissen konnte ich nicht weiterleben“, sagte die 39-jährige Angestellte als Zeugin in dem neuen Prozess vor dem Landgericht Hildesheim aus. Ein 41-jähriger Bekannter aus Salzgitter (Niedersachsen) hatte ihr gebeichtet, den wirklichen Täter zu kennen: Ein 30-Jähriger gemeinsamer Freund der beiden, der auch in Salzgitter wohnte. „Diese Information musste an die richtige Stelle. Ein Unschuldiger stand vor Gericht“, sagte die Frau weiter.

Dabei war sich die Staatsanwaltschaft Hildesheim im ersten Verfahren sehr sicher, mit dem 45-Jährigen den richtigen Täter zu haben. „Dem Mann aus dem Landkreis Wolfenbüttel wird Totschlag zur Last gelegt. Nach dem Ergebnis der Ermittlungen ist er dringend verdächtigt, am 4. November 2016 zwischen 21.55 Uhr und 22.05 Uhr eine 40-jährige ungarische Prostituierte getötet zu haben“, verkündete die Staatsanwaltschaft. 

Brief einer Kielerin bringt Wendung

Doch bereits der zweite Verhandlungstermin fiel aus: Am 2. Juni 2017 waren das Schreiben der Kielerin sowohl bei der Staatsanwaltschaft Hildesheim als auch bei der Polizei in Salzgitter eingegangen. „Wir haben Informationen zu dem Prostituiertenmord im Landkreis Peine. Der mutmaßliche Täter hat die Tat wahrscheinlich nicht begangen“, hatte die Kielerin geschrieben. Die Polizei solle sich lieber den 30-Jährigen aus Salzgitter ansehen. Er habe mit der Tat geprahlt, dass es so einfach gewesen sei. Die Beute habe er auf den Kopf gehauen, schrieb die 39-Jährige. 

Die Angaben stammten von ihrem 41-jährigen Bekannten. Zweifel daran hatte sie schon, zumal sie ihn nie persönlich getroffen hatte, sondern nur über soziale Medien mit ihm kommunizierte. „Ich wusste nicht, ob ich ihm glauben sollte. Er sagte, dass er mit auf dem Parkplatz gewesen sei“, sagte die Kielerin. Aus Angst vor seinem Freund wollte der 41-Jährige selbst nichts unternehmen, so die Frau weiter.

Trotz ihrer Unsicherheit habe sie sich entschlossen, die Briefe zu verfassen. „Mir war klar, dass es eine unangenehme Situation sowohl für denjenigen, den ich genannt habe, aber auch für den ersten Angeklagten ist“, so die Kielerin weiter.

Peter Peschka, Vorsitzender Richter der Strafkammer 1 im Landgericht Hildesheim, lobte die Kielerin ausdrücklich für ihr Vorgehen. „Ihre Informationen haben die große Wende gebracht. Für den Angeklagten und die Justiz haben Sie Gutes geleistet. Vielen Dank dafür“, sagte der Richter.

Angeklagter wird freigesprochen

Aufgrund ihres Schreibens wurde der Ingenieur am 3. Juli 2017 freigesprochen. Zum Glück hielt sein Arbeitgeber zu ihm, so dass er an seinen Arbeitsplatz zurückkehren konnte. Die Staatsanwaltschaft entschuldigte sich mittlerweile bei ihm für ihren Irrtum. Für die Zeit der erlittenen Untersuchungshaft steht dem Mann  laut Gesetz eine Entschädigung von 25 Euro pro Tag zu. Darauf hätte er sicher verzichten können.

Neuer Tatverdächtiger

Der neue Tatverdächtige, der bullige, über 1,90 Meter große 30-Jährige aus Salzgitter, wurde am 9. Juni 2017 verhaftet. Mord und Raub mit Todesfolge werden  ihm vorgeworfen. Seit Anfang Dezember 2017 muss er sich für den Prostituiertenmord verantworten. Schwer wird er von seinem 41-jährigen Bekannten, Ex-Arbeitskollegen und Ex-Mitbewohner, belastet.

Da der 41-Jährige seit dem 3. Juni 2017 selbst eine Haftstrafe wegen Betrugs absitzt, musste er zu seiner Zeugenaussage aus der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel abgeholt werden. Er sagte aus, dass er im Auto gewartet habe, während sein Freund bei der Prostituierten war.

Als der Wohnwagen ungewöhnlich stark wackelte, habe er nachgesehen. Durch einen Spalt der Tür habe er die Frau auf dem Boden liegen gesehen. Sein Freund soll mit dem Fuß auf dem Hals der 40-Jährigen gestanden haben. „Die Frau hatte leicht nach hinten verdrehte Augen, für mich sah sie tot aus“, sagte er vor Gericht.

Auch berichtete er von einem Kunden der Frau, der auf der Suche nach seiner Geldbörse zurück auf den Parkplatz gekommen war. Ihn habe er abwimmeln können. Sein Freund habe ihn aufgefordert, über das Geschehene zu schweigen und ihn bedroht. Nach der Tat sei der Kontakt zu dem 30-Jährigen abgebrochen. „Ich habe versucht, den Vorfall zu verdrängen“, so der 41-Jährige vor Gericht.

Mit seiner Aussage bestätigte er weitgehend die Angaben des Ingenieurs bei der Polizei aus dem Dezember 2016. Auch der 45-Jährige musste wieder vor Gericht erscheinen – diesmal als Zeuge. „Ihre Aussage ist eine Besonderheit. Sie waren lange in U-Haft und sind einem Justizirrtum unterlegen“, sagte Richter Peschka vor der Vernehmung. Ein Auskunftsverweigerungsrecht hatte der 45-Jährige aber nicht. Mit leiser Stimme wiederholte er seine Beobachtungen, die ihn in Haft gebracht hatten.

Er bestreitet die Tat

Der 30-jährige Angeklagte bestreitet bisher die Tat. Ein Erklärung für seine DNA-Spuren unter den Fingernägeln der Frau hat er auch: Er verdächtigte den 41-Jährigen, Hautpartikel dort platziert zu haben. Seine neuste Version: Am Tatabend will er vor dem Wohnwagen von der 40-Jährigen gekratzt worden sein. Ob nun der wahre Täter auf der Anklagebank sitzt, wird die Beweisaufnahme zeigen. Insgesamt sind zehn Verhandlungstermine vor dem Landgericht Hildesheim anberaumt. Das Urteil soll am 17. Januar 2018 verkündet werden.

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