Toxikologisches Institut : Kieler Uni will Gift-Forschung dichtmachen

Die Uni Kiel will das Toxikologische Institut als selbstständige Einrichtung auflösen.
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Die Uni Kiel (hier: Unihochhaus und Auditorium Maximum) will das Toxikologische Institut als selbstständige Einrichtung auflösen.

Jahrzehnte untersuchten Forscher giftige Gefahren. Jetzt ist das unabhängige Toxikologische Institut selbst in Gefahr.

Margret Kiosz von
24. August 2018, 07:54 Uhr

Wenn es um die Belastung mit Stickoxiden geht oder um die Gefahr von Aluschalen beim Grillen, wird der Kieler Toxikologe Edmund Maser befragt. Er sitzt in Talkshows zur Dieselaffäre, fertigt Stellungnahmen für Verbraucherschützer an oder berät die Bundeswehr bei der Beseitigung gefährlicher Weltkriegsmunition in der Ostsee.

Das Toxikologische Institut der Uni Kiel hat sich über Jahrzehnte einen Namen gemacht und mit oft unbequemen Stellungnahmen zu aktuellen umweltmedizinischen Fragestellungen für Furore gesorgt. Ende dieses Monats entscheidet sich, ob das so bleibt.

Die Uni will das Institut als selbstständige Einrichtung auflösen und eine neue Professur für „Medizinische Toxikologie“ im zukünftigen „Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie“ einrichten. Dort soll die Arzneimittelwirkung am Patienten im Vordergrund stehen. Diese personalisierte Medizin bringt offenbar hohe Drittmittel ein.

Umweltschützer, DFG und Studierende empört

Naturschützer laufen Sturm. „Damit verschwindet die umwelttoxikologische Expertise, die für eine unabhängige Beratung der Öffentlichkeit und der Behörden über Schadstoffbelastung von Ökosystemen und menschliche Gesundheit dringend notwendig ist“, empört sich der Nabu Schleswig-Holstein.

„Wir laufen Gefahr, künftig allein auf die Aussagen von Studien angewiesen zu sein, die die Industrie liefert“, warnt Nabu-Chef Ingo Ludwichowski und verweist auf jüngste Skandale um bezahlte Gefälligkeitsstudien. Da auch die Ausbildung von Umwelttoxikologen künftig eingestellt wird, fürchtet er, „dass die Expertise nach und nach verloren geht“.

„Farbe bekennen für Umwelt- und Verbraucherschutz ist jetzt gefragt“, meint Nabu-Landeschef Ingo Ludwichowski.
Margret Kiosz

„Farbe bekennen für Umwelt- und Verbraucherschutz ist jetzt gefragt“, meint Nabu-Landeschef Ingo Ludwichowski.

 

Die Sorge scheint berechtigt. Allein zwischen 1990 und 2000 wurden zehn von ehemals 20 Toxikologie-Instituten dichtgemacht. Und das Sterben geht weiter – obwohl es in der Umwelt- und Gesundheitspolitik bei gesetzlichen Regelungen und bei Grenzwertfestsetzungen einen hohen Bedarf an unabhängigen Wissenschaftlern gibt. Aktuell existieren bundesweit nur noch drei Toxikologische Institute.

„Das bietet Kiel einen starken Standortvorteil, sowohl wissenschaftlich als auch wirtschaftlich“, schreiben die Studierenden in einem Brandbrief an die Unileitung und fordern den Erhalt des Instituts.

Auch der scheidende Umweltminister Robert Habeck hat sich schon früh positioniert. „Es wäre wichtig, wenn die CAU ihre Kompetenz auf diesem Gebiet erhalten würde“, sagte er, als die Schließungspläne öffentlich wurden. Aktuell hält er sich zurück, weil er in einer Woche das Amt abgibt und Teile der Grünen Fraktion offenbar bereit sind, die Toxikologie auf dem Altar der Hochschulautonomie zu opfern.

Dabei hat sich Institutsleiter Edmund Maser, der kurz vor der Pensionierung steht, immer wieder mit naturwissenschaftlichen Argumenten in urgrüne Themengebiete eingeschaltet, etwa beim Fracking und bei der Glyphosat-Düngung.

Toxikologische und unabhängige Expertise werde unterschätzt

Unterstützung kommt von der deutschen Forschungsgemeinschaft, die in Stellungnahmen mehrfach betonte, dass universitäre Lehrstühle für Toxikologie den großen Vorteil haben, dass sie unabhängig sind und keine Verpflichtung gegenüber Behörden oder der Industrie haben.

Fatalerweise werde die toxikologische Expertise unterschätzt, die für eine unabhängige Beratung der Öffentlichkeit und der Behörden über Themen der Schadstoffbelastung und Gesundheit dringend notwendig sei.

Ob diese Themen an der Kieler Uni künftig noch eine Rolle spielen, entscheidet das Unipräsidium. Wie weit sich – als letzte Instanz – die Landesregierung an ihren Koalitionsvertrag gebunden sieht, bleibt abzuwarten.

Dort steht: „Wir werden uns dafür einsetzen, dass auch zukünftig eine unabhängige Einrichtung der Forschung, Wissenschaft und Bildung für Umwelttoxikologie erhalten bleibt und sich vollumfänglich entwickeln kann.“ „Sich einsetzen ist zu wenig“, findet der Nabu.

„Farbe bekennen für Umwelt und Verbraucherschutz ist jetzt gefragt“, so Ludwichowski. Die Autonomie der Hochschule dürfe keine heilige Kuh sein. Sorgen bereitet ihm, dass die Finanzministerin kein Geld für eine Lösung des Problems jenseits des Unihaushalts eingeplant hat.

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