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ThyssenKrupp : Kieler U-Boot-Bau vor Verkauf

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Führungsrolle in der Rüstungsindustrie? Der Waffenkonzern Rheinmetall will angeblich ThyssenKrupp-Marinesparte übernehmen.

Frankfurt/Essen/Kiel | Mit Rückendeckung aus der Politik und großangelegten Zukäufen will  Rheinmetall  in der anstehenden Konsolidierung der deutschen Rüstungsindustrie offenbar  eine Führungsrolle übernehmen. Auf dem Einkaufszettel der Waffenschmiede steht nach Handelsblatt-Angaben die Marinesparte von ThyssenKrupp mit ihrem U-Boot-Bau sowie zwei Airbus-Töchter.   Konzernchef Armin Papperger habe bereits erste Sondierungsgespräche mit Thyssen-Krupp über eine Übernahme geführt, so das Blatt unter Berufung auf Unternehmenskreise.

ThyssenKrupp hatte mit seiner Marinesparte  zuletzt einen Jahresumsatz von 1,3 Milliarden Euro erzielt.  Die Essener gelten vor allem mit ihrem U-Boot-Bau in Kiel als  weltweit führend. Vor einigen Monaten habe es ein erstes Abtasten gegeben, bei dem Rheinmetall seine Bereitschaft für eine Übernahme erklärt habe, hieß es in Konzernkreisen. Beide Unternehmen lehnten einen Kommentar ab.

 Beobachter rechnen schon länger damit, dass sich das Essener Unternehmen  von seinen Werften verabschieden will. Ende 2011 hatte der angeschlagene Konzern schon seine zivilen Schiffbauaktivitäten wie weite Teile der Hamburger Werft Blohm + Voss verkauft, dieses Jahr folgten die Marine-Werften in Schweden.

Zudem interessiert sich Rheinmetall dem Bericht zufolge für zwei Firmen des Luft- und Raumfahrtkonzerns Airbus. Airbus-Chef Tom Enders überprüfe derzeit sein Portfolio im Rüstungsgeschäft und könnte alle Aktivitäten in Deutschland jenseits des Geschäfts mit Lenkwaffen und Kampfflugzeugen abstoßen, berichtet das „Handelsblatt“ weiter.

Abgegeben werden könnte  der Präzisionsspezialist Optronics. Auch der Anteil an Atlas Elektronik, das Airbus gemeinsam mit Thyssen führt, dürfte bald zum Verkauf stehen. Atlas, Spezialist für Torpedos und Sonartechnik, würde gut zu den U-Booten von Thyssen-Krupp passen.

Aus der Politik erhält Rheinmetall Unterstützung für seine Pläne. So beurteilte der Kieler SPD-Bundestagsabgeordnete und Verteidigungsausschuss-Vorsitzende Hans-Peter Bartels   die Pläne positiv. Ob die Übernahme zustande komme, sei zwar „Sache der Industrie“, sagte er am Freitag dem sh:z. Jedoch würde er sie für vernünftig halten: „Eine Konsolidierung der Branche hilft dem Wehrtechnik-Standort Deutschland.“ Auch für die Kieler ThyssenKrupp-Werft, früher HDW, wäre eine Übernahme durch Rheinmetall „kein Nachteil“, sagte Bartels: „Die Werft ist in einem großen Konzern gut aufgehoben – das ist bei ThyssenKrupp so und wäre bei Rheinmetall nicht anders.“ Ähnlich äußerte sich auch der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Arnold: „Sollte sich Rheinmetall breiter aufstellen wollen, würde ich das nur begrüßen.“

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte sich jüngst mit den Chefs der deutschen Rüstungskonzerne getroffen, um über die Folgen seiner harten Linie bei Waffenexporten zu beraten. Er pocht auf eine Konzentration innerhalb der Branche. Dem scheint Rheinmetall zu folgen.

Kommentar: Gespaltene Republik

Die Rüstungsbranche ist  im Umbruch. Panzerbauer Krauss-Maffei flieht in die Arme des französischen Staatskonzern Nexter und Thyssen Krupp verhandelt mit Rheinmetall über die Kieler U-Bootsparte. Die Bundesregierung betrachtet die Konzentration offiziell mit Wohlwollen. Schließlich verdienen bundesweit 100.000 Menschen ihr Geld mit dem Bau von Kriegsgerät. Momentan wird das schwieriger: Die Bundeswehr muss sparren, die Griechen können keine Schiffe mehr auf Pump bestellen und der Leopard-Panzer – einst bei Demokraten und Diktatoren heiß begehrt – wird zum Ladenhüter. Insofern kommt ein schlagkräftiger Rüstungsriese wie gerufen, um der Krise die Stirn zu bieten.

Doch selbst Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel wird angesichts dieser „guten“ Aussichten nicht ausblenden könne, das noch ein zweites Herzen in seiner SPD-Brust schlägt: das des Pazifisten. Wie gespalten die Republik in Sachen Rüstungsexporte ist, zeigt aktuell nicht nur die Krise in der Ukraine, die zu schadensersatzpflichtigen Stornierung von millionenschweren Russlandaufträgen führte, sondern auch die Debatte über Waffenlieferungen an die IS-Gegner im Nahen Osten.       

Erstmals hat sich in dieser Woche der Kieler Landtag klar gegen den Export von Kriegsgerät in den Irak ausgesprochen. Völlig überraschend erhielt ein Antrag der Piraten Beifall – und zwar von der FDP und von SPD-Parlamentariern, die sich damit gegen den Berliner Kurs der Partei stellen. In der Debatte wurde deutlich: Ein bisschen Krieg geht nicht, und einen guten Krieg gibt es nicht. Rüstungsgeschäfte sind zwiespältig, egal an wen man die Waffen liefert. Die Vorgänge um die Eckernförder Schießeisen-Schmiede Sig-Sauer und die Thyssen-Schmiergeldaffäre in Südeuropa zeigen, dass es in dieser Branche selten sauber zugeht.

Deshalb sollte der Rheinmetall Deal, sofern er überhaupt zustande kommt, kritisch beäugt werden – auch  wenn vieles dafür spricht, dass Krieg ein Zukunftsgeschäft bleibt. Das war in den vergangenen Jahrtausenden so und wird leider auch so bleiben. Margret Kiosz

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erstellt am 13.Sep.2014 | 18:00 Uhr

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