Schadstoff-Belastung : Kiel verbannt Diesel auf die linke Spur

Gefragter Interviewpartner:  Oberbürgermeister Ulf Kämpfer erklärte vor vielen Kameras und Mikrofonen das Paket zur Schadststoffreduzierung am Theodor-heuss-Ring.
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Gefragter Interviewpartner: Oberbürgermeister Ulf Kämpfer erklärte vor vielen Kameras und Mikrofonen das Paket zur Schadststoffreduzierung am Theodor-heuss-Ring.

Ein ungewöhnlicher Plan aus dem Kieler Rathaus soll Fahrverbote verhindern. Zur Luftreinhaltung auf dem stark betroffenen Abschnitt des Theodor-Heuss-Rings müssen Brummis mehrfache Spurwechsel machen: erst auf die linke Fahrspur und wenig später später zurück auf die rechte Trasse.

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19. Dezember 2018, 13:17 Uhr



Ulf Kämpfer, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Kiel, gibt die Hoffnung nicht auf. Er will strikte Fahrverbote für Diesel unbedingt vermeiden – und setzt in seinem Vorschlag für den künftigen Luftreinhalteplan des Landes auf höchst ungewöhnliche Maßnahmen. So sollen im Bereich des Theodor-Heuss-Rings, wo die Schadstoffbelastung seit Jahren über dem erlaubten Grenzwert liegt, die Brummis und alle anderen Diesel-Autos ausschließlich die linke Fahrspur benutzen. Sie sind dann nämlich ein paar Meter weiter entfernt von den Wohnhäusern und der maßgeblichen Mess-Station.

Mit dieser Idee verwerfen Kämpfer und seine technischen Berater im Rathaus das übliche Verkehrsprinzip „Rechts fahren, links überholen“. Die schweren Laster müssten sich auf der vielbefahrenen zweispurigen Bundesstraße 76 zunächst links einordnen, um ein paar hundert Meter später vor der Autobahnzufahrt doch wieder auf die rechte Spur zu schwenken.

Besondere Gefahren durch diese völlig neue Art der Verkehrslenkung sieht der Oberbürgermeister nicht. Jedenfalls keine größeren, als wenn die schweren Laster die Ausweichroute durch die Kieler Innenstadt nehmen müssten. Kämpfer spricht von einem „Gewöhnungseffekt“ der Autofahrer. Außerdem soll am Heuss-Ring künftig Tempo 50 gelten, gegenwärtig sind 70 km/h erlaubt. Auch mit Staus rechnet der Oberbürgermeister nicht. Ganz im Gegenteil: Der „Spurwechsel“ wird nach seinen Worten zu einer „Verflüssigung, Entlastung und Lenkung des Verkehrs führen“.

Zum Kieler Maßnahmen-Paket gehören ebenfalls neue Routen-Empfehlungen für Brummi-Fahrer und Umbauten an wichtigen Kieler Kreuzungen. Selbst für die Fuß- und Radwege am Heuss-Ring ist ein neues Pflaster vorgesehen: „Photokatalytische Platten“ sollen Schadstoffe aus der Luft binden. Die Zufahrt auf die Bahnhofstraße als Zubringer zur B 76 soll für Lastwagen gesperrt werden. Die Fahrzeuge vom Norwegenkai würden stattdessen über die Gablenzbrücke Richtung Hamburger Chaussee rollen – allerdings ist dort das Linksabbiegen noch gar nicht möglich.

Kämpfer ist überzeugt, dass das gesamte Maßnahmenpaket im Zweifelsfalle auch die Gerichte von Fahrverboten auf Kieler Straßen abhalten könnte. „Wir sind mit dem breiten Konzept weiter als alle anderen Städte“, erklärte er gestern und fügte mit Blick auf das Schadstoff-Limit hinzu: „Bis zum Jahr 2021 kommen wir über die Ziellinie.“ Der Oberbürgermeister rechnet damit, dass das Umweltministerium auf der Grundlage des Kieler Paketes bis zum Frühjahr den geforderten Luftreinhalteplan erstellen wird.

Die ersten Reaktionen der Parteien auf das Kieler Konzept fielen höchst unterschiedlich aus. Die SPD im Kieler Rathaus erinnert an die Verantwortung der Auto-Industrie. Christopher Vogt (FDP-MdL) hält das Konzept für „plausibel“, sein Kollege Heiner Rickers (CDU) spricht dagegen von „Taschenspielertricks“, Andreas Tietze (Grüne) ist skeptisch wegen des Spurwechsels. Ganz einfach macht es sich die AfD: Volker Schnurrbusch will die Schadstoff-Grenzwerte heraufsetzen.

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