Werbekampagne : Kiel sucht dringend Pflegefamilien

Jörg und Christine Eumann wollen mit ihrem Plakat andere Eltern zur Pflege ermutigen.
Jörg und Christine Eumann wollen mit ihrem Plakat andere Eltern zur Pflege ermutigen.

250 Pflegeeltern gibt es im Raum Kiel, doch der Bedarf für ein Zuhause auf Zeit für Kinder aus schwierigen Verhältnissen ist wesentlich größer. Drei Familien wollen mit ihren Erfahrungen nun andere dafür begeistern. Sie erzählen von ihren Erfahrungen.

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03. März 2014, 04:17 Uhr

Von Pflegefamilien ist meistens zu lesen, wenn es zu Katastrophen gekommen und für die betroffenen Kinder zu spät ist. Nicht so heute: Drei Pflegefamilien aus dem Großraum Kiel haben sich von der Stadt für eine Werbekampagne begeistern lassen und wollen mit Plakaten und eigenen Erfahrungen aktiv andere Eltern anwerben. Der Bedarf ist groß, das bestätigte Jochen Schepp vom Pflegekinderdienst der Stadt Kiel. „250 Pflegeltern gibt es bereits. Um den Bedarf zu decken, bräuchten wir jährlich rund 70 bis 80 mehr“, so Schepp. Denn für so viele Kinder werden im Durchschnitt Ersatzfamilien oder besser Pflegefamilien gesucht. Die Gründe hierfür sind verschieden. Schepp umreißt es mit „der prekären Lebenssituation, die den Kindern nicht zuzumuten ist“. Im Detail sind das meistens die Überforderung Alleinerziehender, psychische Erkrankungen, drogenabhängige Eltern oder dass die Kinder Gewalt erfahren haben, berichtet der Fachmann.

Um für die Kinder geeignete Familien zu finden, die ihnen einen neuen Lebensmittelpunkt geben können, prüft die Jugendhilfe interessierte Familien oder Paare ganz genau, schaut sich das Lebensumfeld an, die Einkommenssituation und die Zeit, die die Familien für das Kind haben. „Alles muss stimmen. Wir suchen keine Kinder für die Familien, sondern Familien für die Kinder“, erklärt Schepp. Auch wenn die Kinder dann in neue Familien kommen, ist das Ziel der Jugendhilfe die Rückführung in die Herkunfstfamilie, wie es im Amtsdeutsch heißt, wenn das Kindeswohl dabei nicht gefährdet ist. Der Kontakt zu den leiblichen Eltern ist fast in allen Fällen regelmäßig gegeben. Eine Rückführung, so Schepp, gelinge in den seltensten Fällen.

Was sind das für Menschen, die anderen Kindern ein Zuhause geben? Es sind herzensgute Menschen. Ihre Gründe sind vielfältig, wie die Plakate der Kampagne zeigen: Weil wir uns immer eine große Familie gewünscht haben, weil wir uns schon immer Kinder gewünscht haben, weil uns die Aufgabe erfüllt.

Bei Christine und Jörg Eumann aus Gettorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) war es der Kinderwunsch. „Für eine Adoption waren wir zu alt, hat man uns am Telefon gesagt“, erzählt die heute 42-Jährige. Damals war sie 34. Sie entschieden sich für die Bewerbung als Pflegefamilie. Sie haben Vorbereitungsseminare gemacht, den Papierberg erledigt, dem Jugendamt ihr Zuhause gezeigt. Alles war gut. Sie konnten einen Wunsch angeben: So jung und so sicher wie möglich. Sie wollen, dass die Kinder bei ihnen aufwachsen können, bis sie 18 sind. Vier Monate später kam der Anruf. Das ist jetzt schon sieben Jahre her. Damals kam der drei Monate alte Finn in ihr Leben. „Er brauchte seine Zeit, bis er richtig bei uns angekommen ist, hat anfangs viel geweint, auch kleine Kinder bekommen schon sehr viel mit“, erzählt Christine Eumann.

Drei Jahre später, Finn hat in seiner Herkunftsfamilie viele Geschwister, entschieden sie sich für ein zweites Pflegekind. Die kleine Lotta kam mit sechs Monaten aus dem Heim zu ihnen. „Als ich in das kleine Bettchen sah und sie mich sofort anlächelte, hatte ich Tränen in den Augen“, erinnert sich Jörg Eumann an das erste Treffen. Es bewegt ihn bis heute. Für beide sind sie Mama und Papa. Finn ist in einem Alter, in dem er nach Besuchen mit der leiblichen Mutter fragt, wieso er nicht bei ihr aufwächst. Christine Eumann erklärt dann: „Das ist deine Bauchmama, die hat so viele Kinder, die kann sich nicht um euch alle kümmern.“ Damit ist Finn dann zufrieden. Damit er weiß, wie es sich anfühlt Geschwister zu haben, entschieden sich die Eumanns für die kleine Lotta. Ihr Fazit: „Wir würden es immer wieder tun. Klar ist es am Anfang anstrengend, auch die ganze Abstimmung mit dem Jugendamt, die dazugehört, aber die Kinder geben einem so viel zurück.“ Davon haben Eumanns zwei weitere befreundete Familien angesteckt, die drei Kindern ein neues Heim bieten.

Familie Schnaut hat selbst vier eigene Kinder (8-18 Jahre). Auch sie lernten durch eine befreundete Nachbarsfamilie, was es heißt, ein Pflegekind aufzunehmen. Als das Paar die Entscheidung traf und alle vier Kinder damit einverstanden waren, meldeten auch sie sich bei der Stadt Kiel. Eineinhalb Jahre später kam die zweijährige Angela zu ihnen. „Es dauert, bis aus dem Kind, das mit seiner eigenen Geschichte in die Familie eher wie ein Gast kommt, ein Familienmitglied wird. Aber dann ist es toll“, gibt Stefan Schnaut zu. Auch hier gab es eine Schlüsselsituation beim ersten gemeinsamen Treffen: „Unser damals fünfjähriger Sohn hat sie an die Nase gepackt und gesagt, wenn du meine Schwester wärst, wär das dein Papa. Und als wir gegegangen sind, fragte sie, ‚wo Papa‘?“, erinnert sich Patricia Schnaut zurück.

Die Familien wissen schon, um wieviel reicher sie geworden sind. Sie hoffen, mit der Kampagne auch anderen Mut zu machen, diesen Schritt zu gehen. „Wenn sich mehr Familien aus der Mitte der Gesellschaft melden würden, dann hätten die Kinder, die diese Hilfe brauchen, eine echte Chance“, sagt Patricia Schnaut.

Wer Interesse an dieser Aufgabe hat, bekommt unverbindlich Infos bei Jochen Schepp unter 0431/9013640 o. www.kiel.de/pflegekinderdienst

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