"Essbare Stadt" : Kiel soll lecker für alle werden

Städtisches Gärtnern in Andernach:  Die erste „Essbare Stadt“ Deutschlands hat die Kieler Piraten inspiriert.
Städtisches Gärtnern in Andernach: Die erste „Essbare Stadt“ Deutschlands hat die Kieler Piraten inspiriert.

Kommunalpolitiker wollen den Anbau von Obst und Gemüse auf öffentlichen Grünflächen. Die Verwaltung soll jetzt die Voraussetzungen prüfen. Vorbild für das Konzept ist die Stadt Andernach am Mittelrhein.

shz.de von
27. November 2013, 06:51 Uhr

Kiel wird die erste „Essbare Stadt“ im Norden. So jedenfalls wollen es Kieler Kommunalpolitiker. Was sich kurios liest, ist ein Antrag der Piraten-Fraktion im Kieler Rathaus. Deren Ansatz findet fraktionsübergreifend Unterstützung. Es geht nicht um eine Marzipan-Haube für den Rathausturm oder Zuckerguss für die Kiellinie. Sondern um eine insgesamt grünere Stadt – und insbesondere den Anbau von essbaren Grünpflanzen wie Obst und Gemüse auf öffentlichen Grünflächen. Devise: Kiel soll lecker für alle werden. Gestern war das Konzept, mit dem die Stadt Andernach am Mittelrhein seit 2010 erfolgreich Pionierarbeit leistet und bundesweit Schlagzeilen macht, Thema in der Sitzung des städtischen Innen- und Umweltausschusses.

Der Kieler Piraten-Fraktionsvorsitzende Sven Seele bringt den Antrag ein, die Verwaltung die rechtlichen Grundlagen für eine Bepflanzung vorhandener Freiflächen mit Obst und Gemüse prüfen zu lassen. Zudem soll geklärt werden, welche Flächen dafür in Frage kämen, und ob bei einer „sukzessiven Nachbepflanzung des vorhandenen Stadtgrüns auf heimische Obst und Gemüsesorten“ kostenneutral umgestellt werden könne. Die Piraten stellen sich vor, dass interessierte Kieler Bürger sich beim Gärtnern – oder wie es neuerdings heißt: Urban Gardening – ehrenamtlich engagieren, zudem sollen Vereine, Schulen und Kitas für ein solches Projekt gewonnen werden.

Obst, Gemüse und Blumen zum Selberpflücken für alle? Als das Thema in Andernach (Rheinland-Pfalz) zum ersten Mal publik wurde – es war an einem 1. April – dachten viele an einen Scherz. Seitdem wurden aber Erdbeeren, Tomaten, Kartoffeln, Zucchini, Kürbisse, Karotten und sogar Weinreben angepflanzt. Heute ist dies etabliert, wie Barbara Vogt von der Stadtverwaltung in Andernach berichtet: „Es wird wahnsinnig gut angenommen.“ Langzeitarbeitslose und städtische Mitarbeiter würden die Flächen pflegen. Vandalismus halte sich in Grenzen. „Das ist für jede Stadt machbar, auch für hochverschuldete“, betont Vogt.

Warum also nicht auch im Norden? Der Kieler Pirat Seele begründet den Vorstoß seiner Fraktion so: „Öffentliche Grünflächen bestehen meist aus Rasenflächen, Blumenbeeten und Bäumen ohne essbare Früchte. Es gibt viele Ideen, wie man unsere Stadt grüner und lebenswerter machen kann.“ Das Konzept „Essbare Stadt“ sei besonders interessant. Wie man das an der Förde umsetzen kann? „In der Stadt wird (...) der Anbau von Hecken (z.B. Himbeere oder Stachelbeere), Bäumen (z.B. Esskastanie, Nuss- und Obstbäume) oder Gemüse und Kräuter angestrebt. Da jeder ernten darf, wird so eine gewisse Selbstversorgung der Bevölkerung ermöglicht und eine gesündere Lebensweise gefördert.“

Die Bepflanzung habe viele Vorteile. Seele: „Die Bürger haben nicht nur die Möglichkeit sich kostenlos am Gemüse auf den öffentlichen Flächen zu bedienen, sondern aus eigener Initiative Gemüse selbst anzupflanzen und zu pflegen.“ Besonders für Stadtkinder, die oft Obst und Gemüse nur aus dem Supermarkt kennen, sei das eine echte Bereicherung.

Das sieht auch die Rathaus-Kooperation aus SPD, Grünen und SSW so. Allerdings verweist sie auf eigene, frühere Bestrebungen für mehr Biodiversität durch Umwandlung von Brachflächen in Nutzgärten und gegen das Bienensterben. Da gibt es bereits Ratsbeschlüsse. Erste „Freiland“-Versuche gibt es auch: Am Dreiecksplatz ist auf Initiative des Umweltschutzvereins BUND ein Gemüse-Beet entstanden.

Über einen Änderungsantrag von SPD, Grünen und SSW wurde gestern Abend dann abgestimmt. Nachdem die CDU eingeworfen hatte, dass rechtliche Aspekte geprüft werden müssten, wurde er einstimmig beschlossen. Demnach wird die Stadtverwaltung beauftragt zu prüfen, welche Freiflächen in Kiel für „Urban Farming/Gardening“ zur Verfügung gestellt werden könnten, und was getan werden muss, um die Bepflanzung auf ehrenamtlicher Basis zu ermöglichen. SPD-Rats-Fraktionsvize Benjamin Raschke: „Wir können uns Patenschaften zum Beispiel für Schulen und Kindergärten vorstellen.“











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