Strand statt Katzheide : Kiel: Einzige deutsche Großstadt ohne Freibad

Eine der letzten Aktionen in Katzheide: Im Juli 2014 lief eine Qualifikation zur 1. Europameisterschaft im Badewannen-Rennen.
Eine der letzten Aktionen in Katzheide: Im Juli 2014 lief eine Qualifikation zur 1. Europameisterschaft im Badewannen-Rennen.

Mächtig Ärger in der Landeshauptstadt: Das Freibad in Gaarden muss schließen. Viele Kieler hatten dagegen vergeblich protestiert.

Margret Kiosz von
03. Januar 2015, 06:49 Uhr

Kiel | Die grünen Plakate hängen überall: in Dönerbuden, im Drogeriemarkt, in der Apotheke. „Katzheide muss bleiben“, heißt es darauf. Gemeint ist das Freibad Katzheide auf dem Kieler Ostufer, das in der kommenden Saison völlig überraschend nicht wieder öffnet. Damit ist Kiel künftig die einzige deutsche Großstadt ohne Freibad.

Die Instandsetzung der Folie im 50-Meter-Becken und die Modernisierung der Wasseraufbereitung schlage mit 750.000 Euro zu Buche. Das sei für die Stadt nicht zu wuppen, beschloss die rotgrünblaue Rathauskooperation. Kein Beinbruch, findet SPD-Sozialdezernent Gerwin Stöcken, in zwei Jahren werde das neue Kombibad eröffnet.

Dumm nur, dass den 245.000 Kielern vorher hoch und heilig versprochen wurde, das Freibad sowie das marode Hallenbad – beide im Problemstadttteil Gaarden – erst dann zu schließen, wenn dieser Neubau fertig ist. Für das geplante Kombibad wurde zudem der erste Spatenstich noch gar nicht vollzogen – und die Kosten laufen schon jetzt aus dem Ruder. Geplant wurde ursprünglich mit 17 Millionen Euro, jetzt ist von fast 27 Millionen die Rede. „Alles unproblematisch“, melden die Verantwortlichen: Die Finanzierung sei gesichert, zumal das Land seinen Zuschuss von drei auf vier Millionen Euro erhöhe.

Nun könnte man wie Stöcken damit argumentieren, die Kieler haben die Ostsee doch vor der Haustür. Sie sollen dort ins Wasser springen. Doch nicht nur für passionierte Schwimmer, die täglich ihre Bahnen ziehen, ist das keine Alternative. Probleme mit der Badewasserqualität, mit Quallen und Algen sowie die lückenhafte Aufsicht selbst bei gefährlichen Wetterlagen machen ein Freibad für viele unentbehrlich. Auch die Kirchengemeinden in Gaarden fordern schon lange, alles zu unternehmen, das Sommerbad Katzheide zu erhalten: „Für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche hat das Bad eine hohe Bedeutung“, heißt es. Wer an warmen Sommertagen die Menschenscharen sehe, die mit Kinderwagen und Picknickkorb ins Freibad ziehen, der wisse, wie gelebte Integration aussehe. Besonders für die Familien, die aus Kostengründen auf kurze Wege angewiesen seien, sei das Bad wichtig.

Tatsächlich leben im direkten Umfeld des 16 Hektar großen Areals mit großen Liegewiesen, drei Wasserflächen in Waldrandnähe tausende Sozialhilfeempfänger in Billigstwohnungen ohne Balkon. Für sie ist das Schwimmbad Garten und Naherholungsgebiet – das kann das neue Bad mit Mini-Pool und Minifreifläche kaum bieten.

Doch davon lässt sich die Stadt nicht umstimmen. Jede Eintrittskarte in Katzheide werde mit etwa 8,80 Euro subventioniert (Bei jeder Theaterkarte legt der Staat 95 Euro drauf). Der jährliche Betriebskostenzuschuss von 300.000 bis 400.000 Euro mache es unumgänglich, „die Reißleine zu ziehen“. Wegen des Klimas in Norddeutschland stelle sich ohnehin die Frage, „ob ein beheiztes Freibad vor dem Hintergrund der Energie- und Ökobilanz überhaupt noch sinnvoll ist“, erklärt Stöcken. Zumal die Besucherzahlen selbst im Supersommer 2014 weiter gesunken sind, auf zuletzt knapp 34.000. An Spitzentagen kamen nur 1700 Badegäste, argumentiert die Stadt.

Kein Wunder, meint hingegen ein Kritiker der Rathauspolitik: „Man lässt das Bad systematisch vergammeln, in der Hoffnung, dass sich das Thema von selbst erledigt: Die Duschen funktionieren nicht, die Farbe bröckelt, das ist nicht einladend, sondern abstoßend“. Statt in den Bestand zu investieren, baue man lieber für Millionen was Neues. „Ob Hartz-IV-Familien das Geld für die höheren Eintrittsgelder im Neubau haben, ist der Politik egal“.

In der Tat ist Katzheide nicht das einzige Bad, das in Kiel verkommt. Zuletzt wurde dem denkmalgeschützen Lessingbad – ein architektonisches Juwel mit ehemals hoher Besucherfrequenz – der Stöpsel gezogen. Dort, wo einst Kinder Schwimmen lernten und Senioren sich fit hielten, durften sich zuletzt Künstler und Eventagenturen im Becken ohne Wasser bei VIP-Partys austoben. Nun wird es zu einer Turnhalle umgebaut. Auch die Seebadeanstalt Düsternbrook ist die Kommune los. Sie wurde an einen Gastronom verpachtet, der daraus eine angesagte Location für Cocktailtrinker machte. „Unter deren spöttischen Augen traut sich doch keiner mehr ins Wasser“, erklärt ein älterer Stammgast.

Warnende Stimmen, den Kielern den Weg ins Badewasser nicht zu verbauen, hat es schon lange gegeben. So zweifelten Kritiker die Rathaus-Zahlen an und rechnen vor, dass die Instandsetzung der bestehenden Bäder billiger kommt als der Bau des neuen Kombibades. Auch der Steuerzahlerbund bezeichnet die Neubaubefürworter als „Märchenerzähler“, die durch Fakten längst widerlegt worden sind“. Doch Gehör finden sie nicht. Selbst die massive Kostensteigerung habe an der „Milchmädchenrechnung“ der Kieler Politik nichts geändert, beklagt der Steuerzahlerbund.

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