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Nach Feuer in Kinderwagen : Kiel: Brände wecken Erinnerungen

vom

Zwei Feuer in einer Nacht - beide brechen in Kinderwagen in Treppenhäusern von Mehrfamilienhäusern aus. In Kiel wurden mehrere Menschen bei Bränden verletzt. Auch in der Nacht zu Mittwoch muss die Polizei anrücken.

shz.de von
erstellt am 19.02.2014 | 06:00 Uhr

Kiel | Ein verkokelter Kinderwagen, ein verrußter Hausflur, das zerborstene Fenster zum Hof: Rauchschwarze Reste einer Feuer-Nacht im beliebten Kieler Stadtteil Südfriedhof – in der Nacht zu Dienstag haben Kinderwagen im Flur zweier Mehrfamilienhäuser gebrannt. Nur wenige Schritte voneinander entfernt, nur wenige Minuten nacheinander. Sechs Menschen wurden insgesamt verletzt, alle kamen mit Verdacht auf Rauchgasvergiftungen ins Krankenhaus. In Panik hatten zwei von ihnen versucht, eine Fensterscheibe einzuschlagen. Sie schnitten sich dabei die Hände auf.

Till Köhncke konnte seine Frau und den zweieinhalb Jahre alten Sohn unverletzt aus der Wohnung im ersten Stock im Papenkamp retten. „Zwanzig Sekunden vor dem Alarm des Rauchmelders“, sagt Köhncke, „wachte meine Frau vom Qualmgeruch auf“. Als er die Tür zum Hausflur öffnete, war die Sicht schon so schlecht, dass die Familie am offenen Fenster auf die Feuerwehr wartete. „Über eine Drehleiter haben sie uns rausgeholt“, berichtet er am Morgen. Für die Versicherung fotografiert er die Schäden im Flur – das Haus gehöre seiner Mutter, sagt der 42-Jährige, der als Lehrer im Stadtteil Gaarden arbeitet. Der abgebrannte Kinderwagen im Flur gehörte ihm. Aber das ist für Köhncke unwichtig: „Hauptsache, es wurde niemand ernsthaft verletzt.“ Fünf Bewohner des Hauses, drei Männer (22, 25 und 28 Jahre alt) sowie zwei  junge Frauen (23 und 25 Jahre alt) waren unter den Opfern.

Das zweite Feuer brach nur ein paar Häuser weiter in der Melanchthonstraße aus. Hier wurde nach Angaben der Polizei eine 41 Jahre alte Frau verletzt.  Die Ermittler sehen beide Brände in einem Zusammenhang, gehen von Brandstiftung aus. Einen konkreten Hinweis auf den oder die Täter haben sie aber noch nicht.

Erst vor knapp zwei Wochen musste eine junge Flüchtlingsfamilie bei einer ähnlichen Tat in Hamburg sterben. Ein 13-Jähriger gestand später, aus einem „aggressiven Impuls“ heraus an einem Kinderwagen im Hausflur gezündelt zu haben. Der Fall hatte nicht nur in Hamburg Entsetzen ausgelöst. 

Nur drei Tage später hielt in Kiel-Mettenhof ein Feuerteufel die Einsatzkräfte in Atem. Binnen 30 Minuten hatte der unbekannte Täter in der Nacht drei Brände gelegt und dabei eine fünfköpfige Familie in Gefahr gebracht. Laut Polizei steckte er einen Schuhschrank im Flur eines Mehrfamilienhauses in Brand. Ein paar Häuser weiter zündete der Unbekannte wenig später einen Kinderwagen im Keller eines Wohnhauses an. Und nun wieder zwei Brandstiftungen in der Landeshauptstadt. Doch den Hinweis auf einen möglichen Trittbrettfahrer will die Polizei so nicht erkennen: „Das ist völliger Unsinn“, sagt Polizeisprecher Matthias Arends. „Der Fall in Hamburg hatte eine ganz andere Dimension.“ In Kiel und auch allgemein komme es immer wieder zu Hausflur-Bränden.    

Auch wieder in der Nacht zu Mittwoch: Bei einem Brand im Kieler Stadtteil Wellingdorf wurde ein Mensch verletzt. Im Keller eines Mehrfamilienhauses seien Zeitungen in Flammen aufgegangen, der Rauch hätte sich dann im Treppenhaus verteilt, teilte die Feuerwehr am Mittwochmorgen mit. Das Feuer konnte schnell gelöscht werden. Ein Mensch kam mit einer Rauchvergiftung ins Krankenhaus.

Im vergangenen Jahr hatte ein Täter auf dem Kieler Ostufer mit mindestens 13 Brandstiftungen in Kellern von Wohnhäusern für Unruhe gesorgt, Anfang Juni wurde ein Verdächtiger verhaftet. Die Hauptverhandlung gegen den 30-jährigen mutmaßlichen Täter wurde Anfang Dezember vor der 7. Strafkammer des Kieler Landgerichts eröffnet und auch gestern in seinem Beisein fortgesetzt. Heikel: Weil die Kammer nach der Beweisaufnahme keine Voraussetzung mehr für einen Haftbefehl sah, wurde der  Angeklagte im laufenden  Prozess mit Beschluss vom 12. Februar auf freien Fuß gesetzt. Dabei ist der Mann drogenabhängig und alkoholkrank, wird von einem Gutachter als gefährlich eingestuft. Die Kieler Staatsanwaltschaft hat dagegen Beschwerde eingelegt. Nun muss das Oberlandesgericht in Schleswig entscheiden. Gilt der Mann auch als Verdächtiger für die beiden aktuellen Brandstiftungen? Offiziell sagt Oberstaatsanwältin Birgit Heß nur: „Wir ermitteln auf Hochtouren gegen Unbekannt.“ Klar ist dennoch: Die Polizei in Kiel hat den 30-Jährigen im Visier.

Eine alte Dame mit Gehwagen, die seit mehr als 40 Jahren in der Nachbarschaft wohnt, fühlt sich dort – rund um den Kieler Südfriedhof – nicht mehr wohl. Sie hat von den Bränden erst am Morgen etwas mitbekommen und schüttelt fassungslos den Kopf. „Man sieht ja, wohin das führt: In Hamburg sind drei  Menschen gestorben.“

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