Kultur-Städteranking : Kiel – arme Stadt, arme Kultur

Das frisch sanierte Kieler Schifffahrtsmuesum. Nur wenig Geld fließt in Kiel in die Kultur.
Das frisch sanierte Kieler Schifffahrtsmuesum. Nur wenig Geld fließt in Kiel in die Kultur.

Ernüchterung: Bei einer Studie zu den Kulturausgaben der 30 größten Städte Deutschlands belegt die Landeshauptstadt mit Abstand den letzten Platz.

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04. Juli 2014, 09:29 Uhr

Kiel | Am Dienstag wurde das Konzept vorgestellt, am Donnerstag folgte der ernüchternde Blick dahinter. Zwischen der Präsentation der Kulturperspektiven des Landes durch die zuständige Ministerin Anke Spoorendonk (SSW) und der Veröffentlichung einer großen Studie zu den öffentlichen Kulturausgaben der 30 größten Städte Deutschlands lagen nur zwei Tage – inhaltlich aber waren es Welten.

Kiel liegt mit 34 Euro je Einwohner bei den öffentlichen Ausgaben für die Kultur abgeschlagen auf dem letzten Platz der 30 größten deutschen Städte. Nur zum Vergleich: Der Nachbar Hamburg belegt mit 187 Euro je Einwohner hinter Frankfurt am Main (222 Euro je Einwohner) den zweiten Platz des Rankings. Ein Hamburger ist damit, rein kulturell betrachtet, 5,5 Kieler wert – die Elbphilharmonie, das Hamburger Fanal überzogener kulturpolitischer Ansprüche, ist da noch nicht einmal eingerechnet.

Auch wenn es in der Studie zum Kultur-Städteranking des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts tatsächlich nur um die Ausgaben der Stadt Kiel und nicht die des Landes ging, lassen sich ein paar grundsätzliche Eindrücke ableiten.

Im Zentrum steht dabei die Tatsache, dass die Landeshauptstadt bei den Ausgaben für Ausstattung und Personal von Kultureinrichtungen so weit hinten liegt, dass man kein Lobbyist für die Kultur sein muss, um diese Statistik mit einigem Kopfschütteln zu betrachten. Denn bekanntlich steht auch Schleswig-Holstein im Ländervergleich der Kulturausgaben am Ende der Tabelle. Ein Großteil der Mittel ist zudem gebunden an Personalkosten, an Gebäudeerhalt, an andere fixe Kosten. Für die Entwicklung neuer Bereiche und die Förderung kultureller Innovationen, etwa im digitalen Bereich, bleibt kaum Geld. Die Folge ist ein Stillstand, aus dem notwendigerweise die Beharrung auf gewachsenen Strukturen folgt – unabhängig davon, ob sie sinnvoll sind. Was man hat, gibt man in Zeiten der Not nur ungern her. Das ist eines der großen Prinzipien menschlichen Handelns.

Vor diesem Hintergrund muss auch das neue Konzept der Kieler Kulturministerin betrachtet werden. Denn ein Konzept ist immer nur so gut, wie das Umfeld es zulässt. Und das Umfeld für kulturelle Strukturveränderungen in Schleswig-Holstein ist schwierig. Die Ideen sind da, aber es fehlt an Mitteln.

Wer mehr kulturelle Beteiligungsmöglichkeiten aller Bevölkerungs- und Bildungsgruppen möchte, der braucht Geld. Wer in der Fläche eine Infrastruktur schaffen will, die die Vermittlung der kulturellen Leistungen aller vorhandenen Institutionen bündeln und vermitteln soll, der braucht Geld. Wer kulturelle Bildung fördern will, braucht Geld. Und wer kulturelles Erbe bewahren will, braucht auch Geld.

Nicht jeder Mangel kann durch Kreativität aufgewogen werden. Und kreativ ist das Kieler Konzept durchaus. Es gibt viele gute Ideen darin und es ist endlich mal ein Papier, das aus der Mitte der Beteiligten heraus entstanden ist. Mit einer entsprechenden finanziellen Unterfütterung hätte es am Dienstag bei seiner Präsentation ein vielfaches an öffentlicher Durchschlagskraft entwickeln können; dafür hätte es keiner Unsummen bedurft. Aber die Kultur in Schleswig-Holstein hat keine politische Lobby.

So verkommen die Kulturperspektiven zu einer Struktur, die überwiegend von gutem Willen und Optimismus zusammengehalten wird. Das allein aber reicht nicht, wie das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut in seiner Studie belegt. Und den Wert kultureller Angebote in der Region nennt das Papier gleich mit: Im Wettbewerb um Fachkräfte wird die Lebensqualität, die auch die Attraktivität und Vielfalt der kulturellen Landschaft umfasst, zunehmend zum entscheidenden Standortfaktor. Außerdem ist die Kulturwirtschaft ein wachsender Wirtschaftszweig, in Hamburg etwa sind laut den Angaben des Weltwirtschaftsinstituts 5,4 Prozent aller Beschäftigten in diesem Bereich tätig – Tendenz steigend. In Kiel ist das Potenzial der Branche ebenfalls erkennbar, mit einer Quote von 3,8 Prozent liegt die Landeshauptstadt hier im Mittelfeld des Städterankings.

Und die Stärkung des Kulturstandorts Schleswig-Holstein, der Ausbau des Kulturtourismus und die Förderung der Kreativwirtschaft sind erklärte Ziele des neuen Konzepts des Kieler Kabinetts. Von einer „immensen Bedeutung substanzieller und ökonomischer Art“ ist darin die Rede. Dann sollte man allerdings auch den Mut zu Investitionen haben.

Die Macher des Kultur-Städterankings jedenfalls sehen in jeder Investition eine Steigerung des regionalen Potenzials: „Umfangreiche Investitionen in die Kulturinfrastruktur oder überregional wahrgenommene Veranstaltungen, Ausstellungen oder Kulturstätten können dazu beitragen, Städte auf einen neuen Entwicklungspfad zu bringen.“ Es muss ja nicht gleich der Bau einer überteuerten Philharmonie an der Kieler Förde sein.

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